Auf den Wertpapiermärkten sieht es längst nicht so gut aus, wie das relativ geringe Abbröckeln der Kurse nach der Herstatt-Pleite vermuten läßt. Als das Kölner Bankhaus zusammenbrach, hat das Kreditgewerbe die Kurse deutscher Aktien "trotzig" hochgepflegt. Ein Börsenkrach sollte auf alle Fälle vermieden werden. Bisher ist das gelungen. Aber hinter den Kulissen wird gezittert: Liegen noch mehr Leichen im Keller? Wenn ja: Gelingt es, sie stillschweigend beiseite zu schaffen?

Solange diese Fragen nicht geklärt sind, bleiben die deutschen Börsen tot. Die Umsätze sind auf Rekordtiefe gefallen. Die Banken bauen das Personal ihrer Wertpapierabteilungen "kalt" ab, das heißt: Abgänge werden nicht ersetzt. Man stellt sich auf eine längere Durststrecke ein. Denn es wird eine geraume Zeit brauchen, bis der Vertrauensschwund, den deutsche Privatbanken im Ausland erlitten haben, sich verflüchtigt hat. Manchem Privatbankier droht durch das Abwandern potenter Auslandskunden eine gefährliche Geschäftsschrumpfung. Auch das ist für die Börse eine schwere Hypothek. Nichts wird wieder so werden, wie es vor der Herstatt-Pleite war.

Die Lehre, die In- und Ausländer aus dem Bankkrach ziehen: Bei der Beurteilung der Bonität einer Bank zählt nur noch deren Bilanz und nicht mehr das Ansehen ihrer Inhaber oder etwaiger Großaktionäre. Der Fall Gerling (zu mehr als 80 Prozent an der Herstatt-Bank beteiligt) macht deutlich, wie schnell die "Hintermänner" bereit sind, ihnen gehörende Firmen fallen zu lassen.

Unverbesserliche Optimisten träumen davon, daß die deutsche Börse den Fall Herstatt schnell hinter sich bringen wird. Sie erinnern daran, daß oftmals am Ende einer langen Baisse-Bewegung eine sensationelle Pleite stand, die dann für reine Luft sorgte und Ausgangspunkt für eine kräftige Kurserholung wurde. Das war tatsächlich so, als Nachkriegsspekulant Hermann Krages seine Aktienpakete zu Schleuderpreisen veräußern mußte; so war es auch, als Krupp 1967 Staatsbürgschaften benötigte, um über die Runden zu kommen. Ist diesmal Herstatt das große Kaufsignal?

Auszuschließen ist das nicht, wenn auch beispielsweise die "Münchener Börsenbriefe" empfehlen, Aktiendepots bis auf etwa 25 Prozent des Wertpapiervermögens zu reduzieren, weil nach Ansicht der Münchener der für die zweite Hälfte 1974 zu erwartende Ertragsrückgang noch nicht voll in den Kursen zum Ausdruck kommt.

Selbstverständlich steuern einzelne Branchen in ein kräftiges Beschäftigungs- und Ertragstief. Vor allem die Bauwirtschaft und die Autoindustrie – und damit ihre Zulieferer. Hilfe für die Bauwirtschaft ist darstellbar, falls die Bundesregierung den konjunkturellen Zeitpunkt als richtig erachtet. Für die Konjunkturbelebung stehen zehn Milliarden bereit. Problematischer steht es mit der Autoindustrie. Einerseits will man nach Möglichkeit den ohnehin schrumpfenden Export aus Zahlungsbilanzgründen noch weiter drosseln, auf der anderen Seite ist nicht zu sehen, wie man im Inland dafür Ersatz schaffen will. Reichlich spät kommt die Versicherung aus dem Bundesverkehrsministerium, daß die amtliche Autofeindlichkeit passé ist.

Autoaktien und Papiere der Zulieferindustrie sind im Augenblick keine Anlage. Weitere Kursverluste können nicht ausgeschlossen werden. In der Autoindustrie ist viel zu spät mit Entlassungsaktionen begonnen worden. Das gilt, insbesondere für das Volkswagenwerk.