DIE ZEIT

Die Entzauberung des Helmut Schmidt

Hundert Tage sind es nicht geworden. Die Schonfrist, die einem Regierungschef traditionsgemäß zugestanden wird, war erst zur Hälfte abgelaufen, als Helmut Schmidt zum erstenmal von der Opposition abgeblockt wurde und überdies noch Ärger in den eigenen Reihen bekam.

Amerikas Ungeduld

Henry Kissinger, der Ungeduldige, nahm sich Zeit in Europa. Auch für Europa? Unmittelbar nach der Moskauer Gipfelkonferenz war der US-Außenminister zu einem langen Marsch durch den alten Kontinent aufgebrochen.

Wer soll studieren?

Wird künftig das Abitur nicht mehr das Tor zum Studium öffnen? Die Westdeutsche Rektorenkonferenz (WRK) hat empfohlen, das Zulassungsverfahren zu den Hochschulen radikal zu ändern, um eine gerechtere Verteilung der knappen Studienplätze zu erreichen.

Worte der Woche

"Man kann schon eine gewisse Hoffnung darauf setzen, daß wir gemeinsam im Laufe des Herbstes oder des Spätsommers innerhalb der Europäischen Gemeinschaft die Entwicklung ein bißchen vorantreiben.

Kein Komplott der Koalition

Für die beiden höchsten Herren der "Deutschen Welle" war auch die Halbzeitpause im Münchner Endspiel voller Dramatik. Während Kicker und Zuschauer sich von den Strapazen der ersten 45 Minuten erholten, trafen sich der Intendant Walter Steigner (SPD) und sein Chefredakteur Johannes Gross (CDU) auf der Prominententribüne des Olympiastadions rein zufällig zu ernstem Gespräch.

Das Kabinett in der Zucht des Herrn

Bevor die Auguren sich darüber einig werden konnten, was der Rücktritt Erhard Epplers wirklich bedeute, saß dessen Nachfolger Egon Bahr schon am Chefschreibtisch im Entwicklungshilfeministerium.

Zeitspiegel

Sicherheit war zumal für den amerikanischen Außenminister als Gast der letzten Spiele der Fußballweltmeisterschaft Trumpf. Zur Halbfinal-Begegnung zwischen Holland und Brasilien in Dortmund wurde er per Hubschrauber über eine Anflugschneise zum Westfalenstadion geflogen, die die Polizei für ideal befunden hatte: Sie führte direkt über ein FKK-Gelände.

Wolf gang Ebert: Ganz große Pleite

"Etwa so: Eines Morgens erklärt sich Italien endgültig für insolvent, schließt seine Grenzen, und die gerade amtierende Regierung zieht sich in die Katakomben zurück, um dort dem Ansturm der Gläubiger zu trotzen.

Die Grenzen des Präsidenten

Der König, so lautet ein ungeschriebenes Verfassungsgesetz der absoluten Monarchie, kann kein Unrecht tun, denn er steht über dem Gesetz.

Am 22. Juli wollen sich in Dublin Untergrundkämpfer er aus aller Welt treffen. Etwa 300 Delegierte der verschiedensten Guerilla-Organisationen werden in Irlands Republik erwartet. Formiert sich hier eine Internationale des Terrors?: Durch Terror zur Gerechtigkeit?

Ein Gespenst geht um in der Welt – das Gespenst des Terrorismus. Alle Mächte der alten Welt haben sich zu einer heiligen Hetzjagd gegen dies Gespenst verbündet, der Papst und der rote Zar, Kissinger und Giscard, amerikanische Linke und deutsche Verfassungsschützer.

Urteil in Köln: Eine bißchen heilige Johanna

In einem Roman könnte man sie sich gut vorstellen: Wie sie, meist allein, gegen die Windmühlenflügel der Justiz anrennt; eine kleine, zarte Person, mit keckem Augenaufschlag, die satte Bürger aus ihrer Selbstgenügsamkeit aufzuschrecken versucht, sehr oft vergeblich.

Prozeß ohne Presse

Die Einsicht, daß der Ton die Musik macht, wurde zuerst auf französisch formuliert. Der Vorsitzende im Prozeß gegen die Deutsch-Französin Beate Klarsfeld hätte gut getan, sich daran zu erinnern.

Neuer Aufwind

Der Verkehrslandeplatz Freiburg ist infolgeseiner nahen Lage zum Stadtgebiet nicht mehr erweiterungsfähig. Er kann deshalb nicht zu einem leistungsfähigen, den künftigen Bedürfnissen entsprechenden Flugplatz ausgebaut werden.

Rangelei oder Nötigung

Freiheitsstrafen, so führte der Vorsitzende Richter aus, seien für die Verteidigung der Rechtsordnung unerläßlich gewesen; das schlechte Beispiel hätte sonst Schule machen können.

Auszug gen Norden

Sie hatte ein bißchen Verspätung, die Geburtstagsfeier der "Juristen der CSU" für das Grundgesetz, das am 23. Mai dieses Jahres ein Vierteljahrhundert alt geworden war.

Ende gut, alles gut?

Vor zehn Jahren herrschten noch Friede, Freundschaft und Zuversicht: Voller Stolz ob des europäischen Ansinnens beschlossen Münchens Stadtväter im März 1964 einstimmig, die für das europäische Patentamt erforderlichen Grundstücke im Museumsviertel "kostenfrei und baureif zur Verfügung zu stellen".

Ein Hauch von Texas

Die Schottland-Romantik hat einen Knacks bekommen. So ganz hatte sie nie gestimmt, das heißt: im Dreieck Glasgow–Edinburgh–Aberdeen, wo mehr als vier von den fünf Millionen Schotten leben, stimmt sie schon seit fünfzig Jahren nicht mehr.

Ruin eines Modells

Trotz einiger Literatur über Napoleons Staatsschöpfung, genannt "Königreich Westfalen", blieben wichtige Fragen bislang unbeantwortet.

Angst vor der Zukunft

Fünf Jahre lang verbarg Georges Pompidou ein 200-Seiten-Manuskript, das er zwischen Herbst 1968 und Frühjahr 1969 geschrieben hatte.

Ende des Junktims

Deutsche Bücher über deutsche Außenpolitik sind Meterware – nur scheinen viele unter einer ähnlichen Misere zu leiden wie die geteilte Nation selbst.

Deutschland – Deutschland...

Um 17.45 Uhr war im Münchner Olympiastadion das große Zittern vorbei. Schiedsrichter Taylor aus England ließ seine Trillerpfeife zum letztenmal ertönen.

Der Traum eines Trainers

Der Traum eines Trainers hat sich erfüllt, sein Trauma wurde beseitigt. Von Helmut Schön ist die Rede, dem Trainer der deutschen Fußballnationalmannschaft, der mit seiner Mannschaft, die er im Finale zum hundertundersten Mal betreute, die Weltmeisterschaft gegen Holland (2 : 1) errang.

Kabinett billigt Haushalt

"Ein unwahrscheinlicher Kraftakt, der nicht beliebig wiederholbar ist" – so umschrieb Finanzminister Apel die Zusammenstellung des Bundeshaushalts für 1975, der eine Zuwachsrate von nur acht Prozent aufweist.

Paris-Bonn: Völlig einig

Die zweitägigen deutsch-französischen Konsultationsgespräche sind am Dienstag in völliger Übereinstimmung in allen behandelten Fragen beendet worden.

Angst im Libanon

Reden und schießen – diese Doppelstrategie bestimmt weiterhin den Nahostkonflikt. Nach dem Abschluß der Kairoer Sonderkonferenz des Verteidigungsrates der Arabischen Liga setzte Israel seine Vergeltungsangriffe gegen den Libanon fort.

NAMEN DER WOCHE

Beate Klarsfeld, deutsch-französische Journalistin, ist zu zwei Monaten Freiheitsstrafe wegen gefährlicher Körperverletzung und Nötigung verurteilt worden.

Griechenland–Türkei–Zypern: Krise in Athen

Zunehmende Spannungen mit Zypern und der Türkei haben zu einer Regierungskrise in Athen geführt. Nachdem am Wochenende bereits zwei hohe Beamte des griechischen Außenministeriums zurückgetreten waren, tat Außenminister Tetenis am Montag den gleichen Schritt.

Kissinger auf Rundreise

Der amerikanische Außenminister Kissinger ist nach Beendigung der Moskauer Gespräche zwischen dem amerikanischen Präsidenten Nixon und dem sowjetischen Parteichef Breschnjew durch europäische Hauptstädte gereist, um die Verbündeten der USA von dem Ergebnis der Gespräche zu unterrichten.

NACHRICHTEN DER WOCHE

Im Endspiel um die Fußballweltmeisterschaft schlug die bundesdeutsche Elf die Niederlande am Sonntag mit 2:1 (2:1). Das erste Tor der Niederländer fiel bereits in der zweiten Minute durch einen Foul-Elfmeter.

Äthiopien: Vor dem Umsturz?

In Äthiopien geht die Machtübernahme der Armee auf Raten weiter. Unangetastet bleibt nach wie vor die Person, des Kaisers Haile Selassie, doch scheint er sich mit der vollständigen Übernahme der Regierungsgewalt durch das Militär abgefunden zu haben.

Eppler trat zurück

Bundeskanzler Schmidt hat am Samstag den früheren Sonderminister Egon Bahr zum Minister für wirtschaftliche Zusammenarbeit ernannt.

Warnung vor einer alljährlichen Plage:: Sommertheater

Ich fahre nicht nach Bad Hersfeld. Dabei waren die Verlockungen beträchtlich. Nicht genug damit, daß die Festspiel-Veranstalter dem neugierigen Kritiker freie Fahrt zum, und kostenloses Bett am Festspielort zusicherten: Was ihr Pressedienst versprach, hätte einen schon in den Zug nach Bad Hersfeld treiben können.

Ein Fach liegt falsch

In den meisten Bundesländern liegen jetzt neue Richtlinien oder Lehrpläne für ein Unterrichtsfach vor, das bald Zeichenunterricht, bald visuelle Kommunikation, bald Kunsterziehung, bald bildnerisches Gestalten, musische Erziehung, im Schulalltag aber kurz "Kunst" genannt wird.

Zeitmosaik

Von dem Kuchen, der wochenlang auf der Anrichte des Festivals stand, haben die Deutschen das größte Stück genommen. Möge es der Elf und den Millionen ihrer Bewunderer gut bekommen! Übermut, dieses süße Gift, könnte schlimme Folgen haben .

Auf Eis gelegt

Auch die zweite Inszenierung der Tragikomödie mit dem Titel "Hochschulrahmengesetz" überzeugt bisher niemanden. Allerdings haben die Darsteller besonders an schurkischen Qualitäten gewonnen: "Verschleppung", "Obstruktion", "Überrumpelung" hießen ihre Rollen-Stichworte, als sie jetzt bis zum Herbst von der Bonner Bühne abgingen.

Die neue Schallplatte

Lieder von Schubert – gewiß; aber Quartette? Wie viele gibt es, sind es Originale oder Bearbeitungen? Wozu sind sie komponiert, in welchem Rahmen entstanden und aufgeführt? Dummerweise zeigt die Plattenhülle hier, wo sie tatsächlich einmal Informationen vermitteln könnte, nur die fünf Konterfeis der Interpreten.

Kunstkalender

Das letzte Buch, das Picasso illustriert hat und das jetzt mit rund sechsjähriger Verspätung auf den Markt kommt, ist ein Hauptwerk der spanischen Literatur, 1499 in Burgos erschienen.

Filmtips

"Wie Trapper und Indianer" von den Walt Disney Productions. Diese zehn kurzen Animationsfilme vermitteln ein Bild von der formalen und inhaltlichen Entwicklung Disneys gigantischer Trickfilmproduktion: von der süßlichen, bieder-betulichen Pastellidylle zur knalligen, aggressiven, surrealen Destruktionsorgie, die jedoch nie in die stumpfe Brutalität vergleichbarer amerikanischer Serien abrutscht.

Das Mausoleum der Bücher

Obwohl Georg Gottfried Gervinus bereits 1835 den ersten Band seiner pragmatischen "Geschichte der poetischen Nationalliteratur der Deutschen" vorgelegt hatte, begann sich Literaturgeschichte immer ausschließlich im "Haus der Dichtung" einzurichten, vielleicht, weil – wie Walter Benjamin hundert Jahre später polemisch anmerkt – "aus der Position des ‚Schönen‘ der ‚Erlebniswerte‘ des ,Ideellen‘ und ähnlicher Ochsenaugen in diesem Hause sich in der besten Deckung Feuer geben läßt".

Nicht klein zu kriegen

So geschwind, so elegant, so mühelos wie ein Rassehund (welcher es wie dieser eilig hat) können Damen mit dem Rade fahren, und während sie gelassen über das Pflaster fliegen, hebt sich weder der Rock zu unzüchtiger Gebärde, noch biegt sich die Feder am Hut, noch derangiert der schneidende Fahrtwind die Rüschen am Handgelenk: Wenn die Idee nur groß genug ist, hat die Wirklichkeit der Straße nichts zu vermelden.

Kritik in Kürze

"Herren im All", Science-Fiction-Erzählungen von Cordwainer Smith. Smiths Geschichten gleichen eher Märchen und Legenden als den Zukunftsstorys üblicher Science Fiction.

Warten auf höheres Gehalt

In den Betrieben wächst die Bereitschaft, auch die leitenden Angestellten an der Einkommensteigerung zu beteiligen

Sorgen nach der Revolution

Wer das Portugal des faschistischen Regimes von Salazar und Caetano kennengelernt hat, traut seinen Augen nicht: In den Programmnotizen zu einem Konzert der Gulbenkian-Stifung in Lissabon ist zu lesen, daß der Komponist Xenakis Xenakis während seiner Athener Studienzeit "teilnahm am Widerstand gegen das Nazi-Regime und während der Kämpfe am 1.

Lebenshilfe?

Sag mal Mama ... Mama ...", sprach die Mutter ihrem kleinen Sohn vor: erste Szene in der neuen Familienserie "Unser Walter" im ZDF.

Axel Caesar Dracula

Mit einem bunten Blutsauger-Spielchen beginnt es, und es endet, zwei Stunden später, mit einer fröhlich kreischenden Vergewaltigungs-Nummer: der Versuch der Hamburger Theatergruppe ROST, eine beliebige Ausgabe der "Bild"-Zeitung, die vom 14.

+ Weitere Artikel anzeigen