Von Dieter Buhl

Köln, im Juli

Für die beiden höchsten Herren der "Deutschen Welle" war auch die Halbzeitpause im Münchner Endspiel voller Dramatik. Während Kicker und Zuschauer sich von den Strapazen der ersten 45 Minuten erholten, trafen sich der Intendant Walter Steigner (SPD) und sein Chefredakteur Johannes Gross (CDU) auf der Prominententribüne des Olympiastadions rein zufällig zu ernstem Gespräch. Von Fußball war kaum die Rede, um so mehr aber von den echten und den vermeintlichen Fouls im Kölner Sender, die Gross das Vergnügen an seinem Posten genommen haben. Die beiden Fußballfans unterhielten sich denn auch nicht über den kommenden Weltmeister, sondern über die Frage des Chefredakteurs, wann dem Intendanten sein Ausscheiden genehm sei.

Mit der Ankündigung seines Rücktritts hatte Johannes Gross einige Tage zuvor etwas erreicht, von dem die 1300 Mitarbeiter des Senders sonst nur träumen: Die "Deutsche Welle" erreichte politische Resonanz in der Bundesrepublik. Gewöhnlich erregt die Station solches Aufsehen nur im fernen Ausland – in Griechenland etwa, wo sich die Machthaber lautstark über kritische Sendungen beschweren, oder bei der äthiopischen Regierung, die sich durch wahrheitsgetreue Schilderungen des Elends im Lande beleidigt fühlt.

Als der Führungszwist in Köln bekannt wurde, machte der Sender endlich auch einmal im eigenen Lande Furore. Der Regierung wurde ein Großangriff auf die Rundfunkfreiheit vorgeworfen, und es wurden wieder einmal die Gefahren des Proporzwuchers in den Funkhäusern beschworen. Die Kette der Sender-Skandale schien sich zu verlängern: Nach den beschämenden Rangeleien um Intendantenposten beim Norddeutschen Rundfunk und bei Radio Bremen nun auch noch Parteiengezank bei der Stimme Deutschlands für die Welt.

Aber bei der "Deutschen Welle" ist vieles anders. Da sie im Gegensatz zu anderen Rundfunkanstalten nur für das Ausland sendet, fehlt den Politikern ein wesentliches Motiv für allzu massive Einflußnahme: Wähler können sie mit Hilfe des Senders nicht gewinnen; sie können ihn höchstens als Pfründe für verdiente Parteifreunde mißbrauchen.

Doch selbst Johannes Gross glaubt nicht an ein Komplott der Koalition. Er fühlt sich nicht als Opfer eines "genialen Schachzugs der Regierungsparteien, mit dem die ,Deutsche Welle‘ unterwürfig gemacht" werden soll. Er sieht sich von hausgemachter Intrige und Ranküne bedroht. Als Menetekel wertet der sensible Publizist ein Gutachten über den Sender, das der ehemalige BBC-Programmdirektor Monahan vor zwei Jahren angefertigt hat. Es liest sich streckenweise wie eine Kritik an dem vielseitig interessierten Chefredakteur, der sich neben seiner Rundfunkarbeit vor allem als Fernsehmoderator und Kolumnist der Frankfurter Allgemeinen Zeitung einen Namen gemacht hat: Danach soll ein Teil seiner weitreichenden Kompetenzen an vier Stellvertreter delegiert werden.