"Herren im All", Science-Fiction-Erzählungen von Cordwainer Smith. Smiths Geschichten gleichen eher Märchen und Legenden als den Zukunftsstorys üblicher Science Fiction. Des Autors optische und erzählerische Phantasie ist an der Vergangenheit orientiert, vermittelt durch Literatur. Er variiert Motive aus "Ali Baba und die vierzig Räuber", aus dem Leben der Jeanne d’Arc oder Rimbauds, aus dem Werk des chinesischen Klassikers Lo Kuan-Chung und Dantes. Trotz dieser verschiedenartigen Vorlagen, die, hätte Smith nicht selbst im Prolog auf sie aufmerksam gemacht, kaum zu erkennen wären, verbindet alle Geschichten ein ganz eigener Klang. Smiths Helden sind meistens Unterprivilegierte, oft "Untermenschen" oder Tiermenschen, die gegenüber den Herrschern die Prinzipien der Humanität hochzuhalten versuchen. Smith, der unter seinem bürgerlichen Namen Paul Myron Anthony Linebarger Universitätsprofessor in Australien gewesen und 1966 gestorben ist, erzählt mit einem fast verbissenen Ernst, der nur gelegentlich durch Ironie aufgelockert wird, vor allem in der schönsten Story, der Rimbaud-Variante "Das trunkene Schiff", in der ein Liebender schneller als jedes Raumschiff Welten überwindet. Die Geschichten sind der ehrgeizige und etwas unzeitgemäße Versuch, Mythen zu schaffen. So phantastisch und phantasiereich die Erzählungen auch sind, die Ambition hängt manchmal wie ein Bleigewicht an ihnen. (Aus dem Englischen von Rudolf Hermstein; Insel Verlag, Frankfurt 1973; 244 S., 16,50 DM.)

Wilhelm Roth