Neu in Museen und Galerien:

Bonn Bis zum 30. Juli, Galerie Wünsche: "Picasso-Radierungen zu ‚Celestina‘"

Das letzte Buch, das Picasso illustriert hat und das jetzt mit rund sechsjähriger Verspätung auf den Markt kommt, ist ein Hauptwerk der spanischen Literatur, 1499 in Burgos erschienen. Als Autor oder Mitautor wird Fernando de Rojas vermutet, der in seinem tragikomischen Lesedrama vom Ritterroman über die Troubadourdichtung bis auf Terenz zurückgeht. Hauptfigur der haarsträubenden Fabel ist Celestina, würdige Matrone und Kupplerin, die, nachdem sie Calisto und Maliba geholfen hat, von Räubern umgebracht wird (in Frankfurt, wo das Stück vor ein paar Jahren ausgegraben wurde, hat die Flickenschild die Celestina gespielt). Daß Picasso, wie seine Freunde berichten, das Stück geliebt hat, daß ihn die Figuren und Situationen der Handlung konstant beschäftigt haben, sieht man an seinem graphischen Œuvre. Die erste Celestina datiert aus dem Jahr 1903. In den 1968 entstandenen Illustrationen sind die Figuren von Terenz/Rojas definitiv und vollkommen zu Geschöpfen Picassos geworden. Römische Antike, spanisches Mittelalter und die neuzeitliche Figuration von Cervantes und Velasquez werden synkretisch zusammengebracht auf der zeitlosen Bühne des Großen Welttheaters, bei der auch der Zuschauer als Voyeur ins Spiel und in die Darstellung mit einbezogen wird. Das Buch enthält 66 Radierungen, wobei "Radierung" das unglaublich komplizierte und ständig wechselnde Druckverfahren nur entfernt andeutet. Es werden alle Möglichkeiten des Kupferdrucks von der Umrißradierung bis zur tonigen Aquatinta einschließlich Abdeck- und Schabverfahren ausgeschöpft, nicht als virtuoses, technisches Spiel, sondern um die Geschichte in den verschiedenen Realitätsebenen anzusiedeln. Im übrigen handelt es sich bei den Illustrationen um keine postume Premiere. Sie gehören zu dem berühmten Zyklus der 347 Radierungen, die zwischen dem 16. März und dem 5. Oktober 1968 entstanden sind und die 1969 auch in Deutschland gezeigt wurden. Nur haben wir sie damals für eine Art Tagebuch, für Picassos graphisches Vermächtnis gehalten. Heute weiß man, daß sie sich auf eine literarische Vorlage beziehen und daß Picasso in der "Celestina" den idealen Stoff gefunden hat. Die Blätter sind gleichzeitig auch in der Hamburger Filiale der Galerie Wünsche zu sehen. Die auf 350 Exemplare limitierte Auflage kostet 18 500 Mark, ein Jammer, daß "Celestina" nicht in einer billigeren Ausgabe zu haben ist. Gottfried Sello

München Bis zum 22. September, Haus der Kunst: "Große Kunstausstellung"

Das alljährliche Ausstellungsmonster hat bislang alljährlich den gewohnten gewöhnlichen Schrecken verbreitet – bei diesem Supermarkt der Kunst war stets die Masse das Maß, hat das Hängesoll allemal die mögliche Information zur Strecke gebracht. Erfreulicherweise hat in einigen Köpfen die Überlegung eingesetzt, daß die unsortierte Überbelegung der verfügbaren Wände nicht der Weisheit letzter Schluß sein kann. So langsam nimmt die "Große Münchner" Kontur an. Noch ist allerdings über Weite Strecken das übliche Durcheinander Trumpf – die "Secession" und "Neue Münchener Künstlergenossenschaft" sind beim alten Stiefel geblieben. Die "Neue Gruppe" hingegen, die mit über sechshundert Arbeiten die umfangreichste Abteilung stellt, präsentiert das Allzuviele übersichtlich und einigermaßen geordnet. Nicht jeder sein eigener Koch, die gleiche Suppe für alle, lautete die Devise, und das heißt: Wer teilnehmen wollte, mußte der Jury Arbeiten vorlegen, die, natürlich mit großzügiger Auslegung, als Handzeichnungen zu verstehen waren; irgendwelche formalen, inhaltlichen oder technischen Einschränkungen waren nicht gegeben. Auf diese Weise ist eine bemerkenswerte, durchaus informative Ausstellung in der Ausstellung zustandegekommen, die relativ genau Auskunft gibt über Zustand und Möglichkeiten der Handzeichnungen, heute und hierzulande. Keine Totale, aber ein stichhaltiger Querschnitt (von Peter Ackermann bis Mac Zimmermann). Der Gesamteindruck, nicht überraschend: für Realismus jeglicher Spielart zunehmende Tendenz. Helmut Schneider

Neuenkirchen Bis zum 29. September, Galerie über Soltau Falazik: "Kunst – Dorf"

Auf der Wiese lagern weiße, aus Hartfaser geschnittene, polyesterbeschichtete Wellenformen, die das Bild von Schafen oder Kühen oder Sommerwolken assoziieren. Zwischen Kiefernstämmen schaukelt ein Aluminiumobjekt vor der Gemeindeschule, das Schwanzstück eines überdimensionalen Kinderdrachens, der sich in den Zweigen verfangen hat. Im Bauerngarten zwischen riesigen Eichen ragt der rosa Schaumstoffmast in die Höhe, ein unverkennbarer und originaler Ferdinand Spindel, der seit ein paar Jahren in dem schönen alten Fachwerkhaus wohnt. Das Dorf als Hintergrund, Kulisse und Ereignisraum für zeitgenössische Plastik: Die Galerie Falazik hat zur Sommerausstellung 1974 ihre Aktivitäten auf den ganzen Heideort ausgedehnt. Dorf und Kunst sollen getestet werden, ob sie sich vertragen, ob, im beliebten Soziojargon, "Integration und Kommunikation" stattfinden. Das klappt viel besser, als man erwarten konnte. 35 Objekte sind in Neuenkirchen aufgestellt, die meisten sind an Ort und Stelle entstanden, die Künstler haben großenteils milieu- und materialgerecht gearbeitet. Rolf Jörres hat ein "natürliches" Environment aus Heide-Findlingen hergestellt. Das "Bretterhäuschen" von Horst Lerche ist ein Beispiel gelungener Anpassung an die Dorfarchitektur. Andere Arbeiten, der geflügelte "Ikarus" von Will Brüll etwa, akzentuieren den Kontrast zur friedlichen Umwelt, deren Gefährdung gelegentlich thematisiert wird. Das fünf Meter hohe Eisensieb von Breuste ist als Mahnmal und Warnung am Dorfrand aufgestellt, es zielt auf Landschaftsschutz, Natur soll nicht zur Baugrube werden. Selbst Hausers Röhrenplastik, die in vielen Großstädten den Unwillen eines angeblich aufgeklärten Publikums und zahllose Proteste hervorgerufen hat, ist auf dem Dorf gut aufgehoben, unterm Lindenbaum, wo die vielgeschmähte Skulptur endlich Ruhe findet. Am Schuppen gegenüber lehnt Karl Schapers monumentalisiertes Arbeitsgerät: ein "Spaten zum Umgraben von Truppenübungsplätzen" und die Riesenharke für den "Heuwagen" von Hieronymus Bosch.