ZDF, Montag, 8. Juli: "Unser Walter" – Leben mit einem Sorgenkind, von Heiner Michel

Sag mal Mama ... Mama ...", sprach die Mutter ihrem kleinen Sohn vor: erste Szene in der neuen Familienserie "Unser Walter" im ZDF. Siebenmal können die Zuschauer auf dem Bildschirm Familie Zabel erleben, deren Welt nicht heil ist: Sie haben ein mongoloides Kind, ihr Sohn ist von Geburt schwachsinnig.

Wir sollten für jede Initiative dankbar sein, die Öffentlichkeit auf die Probleme Behinderter und ihrer Familien aufmerksam zu machen. Sicher ist es auch eine gute Idee, es mit den Mitteln des Fernsehspiels zu versuchen. Während die Rollen der gesunden Erwachsenen von Schauspielern übernommen werden, zeigen sieben mongoloide Kinder und Jugendliche, indem sie sich selber spielen, die verschiedenen Entwicklungsphasen des kranken Kindes Walter von zwei bis zwanzig Jahren. Vielleicht ist so mehr Information zu vermitteln als in vielen Fernsehdokumentationen zu diesem Thema, die oft quälend anzusehen waren, weil es für die Behinderten – schon ihrer Behinderung wegen – mühsam ist, für sich selbst zu sprechen, und den nächsten Angehörigen meist die notwendige Distanz fehlt.

Dennoch – in der ersten Folge der Serie, der kleine Walter ist zwei, scheint mir manches unglaubwürdig.

Da ist die Mutter (Cordula Trantow), die zwei Jahre von ihrem Hausarzt im unklaren gelassen wurde, wes Geistes Kind ihr Sohn ist, und es vom neuen Arzt ganz en passant erfährt, die dann mit Unfreundlichkeiten in der Verwandtschaft konfrontiert und zu allem Überfluß schon wieder schwanger ist – für jemanden, dem die Probleme von Müttern behinderter Kinder nicht fremd sind, erschien mir die Mutter im Film beneidenswert ruhig und vernünftig, nahezu gelassen.

Dann der Vater (Thomas Braut) – sicher, Väter haben es wohl schwerer als Mütter, sich zu behinderten Kindern zu bekennen; aber muß der Schauspieler-Vater deshalb gleich so übertrieben unfreundlich zu Mutter und Kind sein? Erst ebenso unfreundlich polternde Großeltern bringen ihn schließlich zur Vernunft.

Mag sein, daß diese erste Folge als Anreißer gedacht ist, der die Zuschauer bei der Stange halten soll. Vielleicht auch trägt der Autor deshalb so dick auf, weil er die Fortschritte zeigen will: Die erste Folge spielt im Jahre 1955. In einem Nachspiel, in dem der kleine Walter wieder der aktuelle Andree Wallacher sein durfte mit echter Mutter, singender Gymnastikerin, beratenden Psychologen und Pädagogen, konnte man sehen, um wieviel besser heute vieles ist (wobei bei mir eine andere Angst aufkam, nämlich daß da falsche Hoffnungen geweckt werden). In einer Ankündigung hieß es: "Mit dieser Serie sollen in erster Linie Familien angesprochen werden, die selbst ein behindertes Kind haben. Ihnen wird gezeigt, welche medizinischen, pädagogischen und psychologischen Hilfen möglich sind, um die Entwicklung eines Behinderten optimal zu fördern."