So geschwind, so elegant, so mühelos wie ein Rassehund (welcher es wie dieser eilig hat) können Damen mit dem Rade fahren, und während sie gelassen über das Pflaster fliegen, hebt sich weder der Rock zu unzüchtiger Gebärde, noch biegt sich die Feder am Hut, noch derangiert der schneidende Fahrtwind die Rüschen am Handgelenk: Wenn die Idee nur groß genug ist, hat die Wirklichkeit der Straße nichts zu vermelden. Dieses von Fritz Rehm um 1910 gemalte Plakat ist eins von 96, die der Amerikaner Jack Rennert in einem großformatigen kartonierten Band unter dem Titel "100 Jahre Fahrrad-Plakate" sammelt und kommentiert (Rembrandt Verlag, Berlin, 1974; 112 S., 28,80 DM). In dieser überwiegend farbig wiedergegebenen Reklame für das Fahrrad zu blättern, macht Spaß, schon weil es zu Reflexionen animiert über ein Symbol von Freiheit, das, damit es wohl noch deutlicher werde, vorwiegend mit Frauen komplettiert wird. Meist radeln sie mit betonter Lässigkeit dahin, mal präsentieren sie sich ganz, mal beinahe nackt, mal hochgeschlossen, halten Tauben, Sterne oder Fahnen in den Händen, posieren als grimmige Engel mit geschnürten Schenkeln vor ihrem Fahrzeug oder stemmen es – Marke "Göttin" mit dem Pneu "Kosmos" – spielend in die Höhe. Die Männer wirken dagegen langweilig oder nur komisch, und nicht nur, wenn sie dank weicher Federung sich im Fahren rasieren oder im Wettlauf mit einem Aeroplane behaupten: "Ohne Motor, ohne Flügel, aber... genauso schnell mit dem Rad ‚Presto‘." Und man erfährt auch, daß ein vor Anstrengung geröteter Riesenmensch mit Zange und Vorschlaghammer vergeblich versucht hat, ein Dürkopp-Rad zu zertrümmern: "Nicht klein zu kriegen." Man sieht, die Behauptung ist so alt wie das Fahrrad. Manfred Sack