Von Rudolf Herlt

Bei einem Kölner Notar erschien ein junger Mann und blätterte für eine Eigentumswohnung 300 000 Mark auf den Tisch. Der Notar unterbrach seine Beurkundungsgeschäfte und wandte ein, der minderjährige Käufer möge doch seinen Vater mitbringen, der das Geschäft für ihn schließen sollte. Der junge Mann wurde unwillig. Das Geld sei rechtmäßig erworben und es gehöre ihm. Er sei beim Bankhaus Herstattt beschäftigt und habe das Geld dort durch Devisenspekulationen verdient.

Die Geschichte ist wahr. Was bei anderen Banken streng verboten ist, war bei Herstatt gang und gäbe. Angestellte durften auf Kredit spekulieren. Bei Devisengeschäften mußten sie 10 Prozent, bei Goldgeschäften 20 Prozent in bar einschließen. Ging das Geschäft gut aus, so vermutet ein Kenner der Branche, dann war es ein Eigengeschäft, ging es schlecht aus, war es ein Geschäft der Bank. Dany Dattel, der ehemalige Chefdevisenhändler der Herstatt-Bank bestreitet nicht, daß auch er wie jeder andere – "angefangen von der Putzfrau und vom kleinsten Betrag an" – Eigengeschäfte gemacht habe. Er schränkt allerdings ein: "Meine private Spekulation verlief parallel zur Gesamtentwicklung. Ich habe einen großen Verlust erlitten." (Siehe auch Interview mit Dany Dattel Seite 38.)

Nicht nur er, sondern – wie jeder weiß – vor allem das Bankhaus, für das er tätig war. Die Zahl von 477 Millionen Mark, die unmittelbar am Tage der Schließung der Bank am 26. Juni bekannt gegeben wurde, ist jedoch noch keineswegs endgültig. Das wollen jene wissen, die sich gegenwärtig um einen Überblick bemühen, der Liquidator und der Vergleichsverwalter. Mit dem Verlust bei der Luxemburger Herstatt-Tochter erhöhte sich die Summe schon auf 600 Millionen Mark. Noch stehen Devisenterminkontrakte in ’Milliardenhöhe an, die noch abzuwickeln sind. Eingeweihte halten es daher für wahrscheinlich, daß bisher unentdeckte Verluste "über zweistellige Millionensummen hinausgehen".

Mit diesem nichtkalkulierbaren Risiko begründen die Großbanken in erster Linie, warum sie sich am 26. Juni nicht zu einer Rettungsaktion für das Bankhaus entschlossen haben. Ihre Besprechungen mit dem Hauptaktionär der Bank, dem Versicherungs-Konzernchef Hans Gerling, und das Resultat, Herstatt nicht beizuspringen, sind seither im In- und Ausland heftig kritisiert worden. In den angelsächsischen Ländern wurde auf die Rolle der Zentralbank aufmerksam gemacht, die dort dafür sorgt, daß Institute, die in Schwierigkeiten kommen, durch andere Banken geräuschlos aufgefangen werden. In der Bundesrepublik aber wurde die Frage gestellt: Ist der Schaden für das gesamte private Bankgewerbe jetzt nicht größer, als er gewesen wäre, wenn alle privaten Institute solidarisch einen Kollaps der Herstatt-Bank verhindert hätten?

Auch die Großbankan machen die Antwort nicht leicht. Sie leugnen nicht, daß das Verhalten desGroßaktionärs bei den Verhandlungen über Stützungsmaßnahmen die Entscheidungen der Großbanken beeinflußt habe. Keiner der Gesprächsteilnehmer vom 26. Juni will – verständlicherweise – sagen, warum sich Hans Gerling nicht zur vollen Haftung bekennen wollte. Aber da "er aus vielerlei Gründen nicht dazu in der Lage war", darf zumindest zweierlei geschlossen werden: Privatvermögen liegt meist nicht in Form von Geldscheinen in Tresoren, sondern ist in Grundstücken oder Wertpapieren oder in Unternehmen angelegt. Es läßt sich nicht so rasch flüssig machen, wie Hans Gerling es vielleicht gern getan hätte. Zum anderen hat er, was ebenfalls verständlich ist, streng darauf geachtet, daß der Versicherungskonzern nicht in den Sog der Herstatt-Pleite kam.

Mit dem Namen Gerling aber hat die Herstatt-Bank gerne für sich geworben. Als die Baukreditbank ihre Zahlungen einstellte und das Bankhaus Trinkaus ins Gerede kam, hat Iwan D. Herstatt die Sicherheit seiner Bank stets damit begründet, daß Gerling hinter ihm stehe, Deshalb reagieren heute auch die Vertreter der Großbanken allergisch, wenn sie vor die Frage gestellt werden, ob der Großaktionär Hans Gerling für den Herstatt-Verlust voll, nicht nur bis zur Grenze der haftenden Eigenmittel, einzustehen habe.