Die Einsicht, daß der Ton die Musik macht, wurde zuerst auf französisch formuliert. Der Vorsitzende im Prozeß gegen die Deutsch-Französin Beate Klarsfeld hätte gut getan, sich daran zu erinnern. Stattdessen ließ er den Wunsch der Angeklagten nach mehr Takt und weniger Arroganz bei seiner Verhandlungsführung – weil ihm so viele Menschen zuhörten, die jahrelang in Konzentrationslagern gesessen hätten – durch förmlichen Gerichtsbeschluß bescheiden: "Die Kammer weist diese taktlose und unverschämte Beleidigung aufs Schärfste zurück ... Auch diesmal wird von einer Ordnungsstrafe abgesehen."

Deutlicher kann ein Gericht seine innere Befangenheit und seinen Mangel an Stil kaum zum Ausdruck bringen: Ganz empörte Allmacht, die nicht versteht, wie jemand es wagt, ihr die hoheitliche Attitüde anzukreiden. Offenbar ist Benehmen nicht nur vor, sondern auch bei Gericht noch immer Glückssache in deutschen Strafprozessen.

Eine Sache für die Revisionsinstanz dürfte freilich die erstaunliche Willkür beim Ausschluß der Öffentlichkeit in diesem Prozeß werden: Weil ehemalige französische Widerstandskämpfer im Zuhörerraum sich lautstark über einen NS-Verbrecher im Zeugenstand erregt hatten, verbannte die Strafkammer auch alle schreibenden Journalisten für den Rest des Prozesses aus dem Saal. Ausnahme: "Je ein Vertreter aller Nachrichtenagenturen des In- und Auslandes und je ein Vertreter der Rundfunk- und Fernsehanstalten des In- und Auslandes."

Die Begründung des Vorsitzenden, ließe man weitere Journalisten zu, würde die ausgeschlossene Öffentlichkeit auf einem Umweg wiederhergestellt – sie hörte sich an wie der bewußt unternommene Versuch, das zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht gesprochene Urteil im vorhinein durcheinen Verfahrensfehler zunichte zu machen. Denn daß ein Strafverfahren öffentlich geführt werden muß, soweit dies nur irgend ohne Störung möglich ist, gehört zu den elementaren Voraussetzungen der Rechtsstaatlichkeit.

Doch wir dürfen hier wohl die ganze Unschuld, das Nicht-Bewußtsein der Obrigkeit über ihre eigenen Fehlleistungen voraussetzen – in der Frage des Rechts ebenso wie in der des Stils.

H. Sch.