Von Wolfram Siebeck

Wenn früher die Ferien begannen, fuhr man "zur Erholung" weg. Damit ist es seit der Erfindung des Tourismus vorbei. Urlaub und Erholung schließen sich gegenseitig aus. Das, worauf sich der Bürger, das ganze Jahr freut, ist eher eine Art Testserie, bei der er so ziemlich alle Unbilden des Lebens zu bestehen hat. Danach allerdings ist er für die Strapazen der kommenden 12 Monate bestens gerüstet.

Wenn ich auf die Erfahrungen zurückblicke, die ich im Laufe vieler solcher Testserien gemacht habe, so verdient der Geräuschtest eine besondere Erwähnung. Dazu begibt sich der Prüfling in ein Hotel, wo er hofft, eine ruhige Nacht zu verbringen. Tatsächlich gibt es einige, die dem Gast zunächst eine wunderbare Ruhe vortäusehen, wenn er ins Bett geht. Doch spätestens um 5 Uhr morgens ist Testbeginn. In Schloßhotels, deren dicke Mauern den Ehekrach der Zimmernachbarn so vortrefflich abschirmen, krächzen Dohlen den Prüfling bei Sonnenaufgang aus dem Schlaf. Deshalb (oder wegen ihres Ehekrachs) reisen einige Gäste schon in aller Herrgottsfrühe ab. Zum Test gehört nun, daß sie ausgerechnet unter dem Fenster der Testperson die Tagesroute diskutieren, ihre Koffer zählen und das Auto warmlaufen lassen. Vor zwei Wochen erst brachte mich damit in Avallon ein Frühaufsteher aus Pirmasens um den Schlaf. Zusätzlich hupte er dem Portier der "Hostellerie de la Poste" einen dankbaren Dreiklanggruß zu, weil der etwas Deutsch sprach.

Einen Tag später in Paris, wo ich jedesmal einer neuen Testvariante unterzogen werde, hatte ich das Glück, in einem wegen seines stillen Innenhofes sehr beliebten Hotels ein Zimmer zu bekommen. Ich schlief tief und fest – bis um 06.00 MEZ über meinem Fenster eine Taube zu gurren begann. Wer das noch nie erlebt hat, wenn hartnäckiges Taubengurren durch einen engen Innenhof wie in einer Echokammer zum Löwengebrüll verstärkt wird, der weiß nicht, wie schnell Tierliebe in ihr Gegenteil umschlagen kann.

Der wirksamste Geräuschtest wird jedoch immer noch mit dem guten alten Preßluftbohrer gemacht. Normalerweise kommt der Mensch damit nur selten in Berührung. Kaum aber hat er sich in einen Touristen verwandelt, laufen ihm diese Dinger geradezu nach. Ich habe es erlebt, daß an einem Sonntagmorgen um acht Uhr eine Kolonne sadistischer Arbeiter das Trottoir der Rue des Saints-Pères aufzubohren begann! In den Fabeln meiner Kindheit wurden solche Sonntagsarbeiter auf den Mond verbannt. Heute wissen wir, wie es auf dem Mond aussieht; deshalb ist anzunehmen, daß die Männer längst oben waren und alles kurz und klein gebohrt haben.

Eines meiner Lieblingshotels wurde kürzlich renoviert. (Ein Hotel renovieren = Die Zimmer und Möbel so geschickt verkleinern, daß der Gast fast an eine Vergrößerung glaubt, und dafür den Preis erhöhen.) Als ich jetzt zum erstenmal nach der Renovierung dort wohnte, weckte mich in der Nacht das entfernte Rattern eines Preßluftbohrers. Es hörte nimmer auf. Unausgeschlafen, beklagte ich mich am Morgen bei der Rezeption. Die Empfangsdame senkte schuldbewußt den Kopf: "Ja, wir wissen das. Aber wir können nichts dagegen tun. Irgendwas muß während des Umbaus mit dem Bohrer passiert sein. Seitdem –", die Dame sah mir jetzt ängstlich ins Gesicht, "seitdem spukt er jede Nacht!" Ich glaubte ihr aufs Wort. Nur wenn jemand behauptet, er kenne ein wirklich ruhiges Hotel: da habe ich meine Zweifel.