Von Eckart Kleßmann

Trotz einiger Literatur über Napoleons Staatsschöpfung, genannt "Königreich Westfalen", blieben wichtige Fragen bislang unbeantwortet. Napoleon hatte das Royaume Westphalie als Musterstaat konzipiert: Verfassung und Organisation, beide, nach französischem Muster, waren vorbildlich und ihrer Zeit weit voraus. Aber Napoleon hatte den Keim des Verderbens gleich miteingepflanzt, den Ruin des Modellstaats unwillentlich vorbereitet.

Diesen Widerspruch untersucht eine neue Publikation:

Helmut Berding: "Napoleonische Herrschafts- und Gesellschaftspolitik im Königreich Westfalen 1807–1813"; Verlag Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1973; 160 S., 28,– DM.

Napoleon pflegte seine Zufriedenheit mit tüchtigen Militärs in reichen Dotationen zu beweisen. Generäle und Marschälle wurden mit ertragreichen Gütern beschenkt, die der Kaiser vornehmlich aus dem fast rein agrarisch strukturierten Königreich Westfalen nahm. "Kein Staat", so Berding, "hat mehr unter den Folgen der Schenkungen gelitten"; seine Domänen dienten als Dotationsfundus und waren darum dem Staatsbudget entzogen. Hinzu kamen Kriegskontributionen und die Lasten der Besatzung und der Durchmärsche. Gerade der "kleine Mann", dem die liberale Verfassung des neuen Staats mehr Freiheiten und Rechte gewährte, zahlte also die Zeche; die Folge waren zahlreiche Aufstände. Napoleon erkannte den Gegensatz, entschied sich aber dennoch für das Wohl Frankreichs – und damit auch für seinen persönlichen Vorteil.

Berding kann zu Recht behaupten: "Der Musterstaat war von vornherein eine Fehlkonstruktion." Der in Deutschland gern verspottete König Jérôme und seine Berater haben diesen Fehler genau gesehen, vergeblich protestiert und gewarnt.

Die Dotationen des Kaisers waren Teil seiner Gesellschaftspolitik – Integrierung eines Militär- und Verdienstadels zu einer neuen herrschenden Klasse –, und diesem Ziel opferte er die Befreiung der ausgebeuteten westfälischen Bauern. Schon zwei Jahre nach seiner Gründung war der Modellstaat mit dem Vierfachen seiner jährlichen Staatseinkünfte verschuldet, und das beileibe nicht wegen der angeblichen Verschwendung Jérômes. Die napoleonische Politik mußte sich gegen die sozialreformerischen Konsequenzen jener Verfassungs- und Rechtsgrundsätze wenden, die sie selber aufgestellt hatte.