Noch nie lief bei den deutschen Reise-Veranstaltern das Geschäft so schlecht wie in diesem Jahr. Mit Billigangeboten wollen sie in letzter Minute noch Kunden locken.

Zu Beginn der Buchungssaison meldeten die großen Reiseveranstalter in seltener Einmütigkeit, daß für den Sommer 1974 die Preise heraufgesetzt werden müßten. Diese Ankündigung überraschte nicht. Denn allen Urlaubern war klar, daß die weltweite Inflation an den Reiseunternehmen nicht spurlos vorübergehen konnte. Zudem kündigten die Touristikmanager an, sie würden sich weitere Preisabschläge vorbehalten, falls die Kosten für den Jet-Treibstoff Kerosin weiter steigen würden.

Wer sich zu Beginn dieses Jahres von diesen finsteren Aussichten davon abhalten ließ, eine Flugreise zu buchen, konnte in den vergangenen Monaten billiger als jemals zuvor in die Ferien fliegen. Denn die verunsicherten Verbraucher zwangen die Reiseveranstalter zu kräftigen Preisabschlägen.

Um ihre teuren Charterjets nicht halbleer fliegen zu lassen, erinnerten sich einige Veranstalter an einen in Skandinavien seit Jahren bekannten Verkaufstrick: Ein bis zwei Wochen vor dem Abflugtermin verramschten sie Urlaubsreisen – zum Teil bis zu 60 Prozent (gut-Reisen) unter Katalogpreis. In der Regel basieren die Preise für Flugreisen auf einer durchschnittlichen Auslastung der gemieteten Flugzeuge von 85 Prozent. Nur oberhalb dieser Marke winkt Gewinn.

Mitte April zeichnete sich jedoch ab, daß die Gewinnschwelle bei den im Vergleich zu 1973 erhöhten Prospektpreisen nur schwer erreicht werden könnte. Also wurde neu kalkuliert. Sogar der Branchenführer, die Hannoveraner Touristik-Union International (TUI) mit ihren zahlreichen Tochterfirmen, wegen ihrer seriösen Preispolitik bekannt, setzte den Rotstift an. Unter dem Markennamen "Hit-Reisen" verkaufte sie Flüge zu herabgesetzten Preisen.

Allein Neckermann und Reisen (NUR) verzichtete auf nachgeschobene Preisknüller. Mit gutem Grund. Erstens gibt es bei Neckermann Urlaub mit Rabatt bereits seit 1969 – als "Fortuna-Reise" kann ein Zielgebiet gebucht werden, bei dem die Auswahl des Urlaubsortes und Hotels NUR überlassen wird; die Ersparnis: zehn bis 40 Prozent. Zweitens hält man in der Frankfurter NUR-Zentrale die Billigofferten für ein "höchstgefährliches Instrument".

Besonders unglücklich scheint man in der TUI-Zentrale in Hannover zu sein. Zum erstenmal werden in diesem Jahr keine Zwischenergebnisse über den Buchungsverlauf veröffentlicht.

Doch nach den Ferienmonaten, für die fast alle Veranstalter ausgebuchte Flugzeuge melden, dürfen die Verbraucher wieder auf neue Billigoffenen hoffen. Der Sprecher von gut-Reisen (gut – gemeinwirtschaftliches Unternehmen für Touristik) meint, im "Juli sind wir ausverkauft" – aber im September und Oktober, dem Ende des touristischen Geschäftsjahres, werden alle Veranstalter versuchen, sich die Butter aufs Brot zu verdienen. Hans A. Birkhäuser, Sprecher des Hannoveraner Reisetrusts, sagt: "Für die meisten geht’s nicht um die Butter, sondern ums trockene Brot." kde