Ich fahre nicht nach Bad Hersfeld. Dabei waren die Verlockungen beträchtlich. Nicht genug damit, daß die Festspiel-Veranstalter dem neugierigen Kritiker freie Fahrt zum, und kostenloses Bett am Festspielort zusicherten: Was ihr Pressedienst versprach, hätte einen schon in den Zug nach Bad Hersfeld treiben können.

Zum Beispiel: ein Wiedersehen mit Walter Scheel. Nur wenige Tage nach dem Fußball-Endspiel nimmt unser Bundespräsident eine weitere gewichtige Amtshandlung vor, sieht sich "Wallenstein" im Freilichttheater an. (Eine Premiere übrigens, die einen Weltrekord verspricht: alle drei Teile des Dramas, in zweieinhalb Stunden absolviert.) Bliebe der Präsident noch einen Tag länger in Bad Hersfeld, könnte er mit ansehen, was der Festspiel-Intendant Ulrich Erfurth aus Brechts "Puntila" gemacht hat. Eine Kritik zur Aufführung gibt es schon – der Pressedienst hat sie gleich selbst verfaßt; berichtet leutselig von einer "heiteren Probenarbeit" ("alle Darsteller haben viel Vergnügen bei der Arbeit an diesem glänzenden Stück") und von einer bemerkenswerten Einzelleistung: "Mit erotischen Zwischentönen geht Christiane Rücker den Bogen ihrer Rolle an."

Nach Dinkelsbühl ("Des Meeres und der Liebe Wellen" im Garten am Wehrgang) fahre ich auch nicht, will nichts wissen von "Romantik an Wasser und Wiesen" – obwohl der Intendant des Fränkisch-Schwäbischen Städtetheaters warnt: "Das leidenschaftliche Spiel unseres jungen Ensembles in der intimen Atmosphäre des romantischen Gartens am Wehrgang mit seinen alten, wuchtigen Stadttürmen ist bestimmt ein Eindruck, der lange Zeit unvergessen bleibt."

Und nach Krems an der Donau, wo man auf dem Hohen Markt Saunders’ "Michael Kohlhaas" spielt, bin ich auch nicht gefahren – obwohl der Bürgermeister persönlich eingeladen hatte, obwohl am 29. Juni um 13.15 Uhr am Café Landtmann in Wien ein Bus nach Krems auf Theaterkritiker wartete; und obwohl Mathias Habich die Titelrolle spielt, der "als Freiherr von der Trends der Fernsehserie noch allseits in bester Erinnerung" ist.

Kleinstadteitelkeiten, Theatertorheiten, Starkult auch um die Sterne geringerer Größe, Geschäftemacherei: das, auch das, ist Sommertheater.

Aber das Thema hat nicht nur eine finstere, es hat auch eine heiter-schöne und eine heiterabsurde Seite. Schön sind sie ohne Zweifel, die Schauplätze, an denen nun Sommertheater passiert, all die Schloßruinen, Domplätze, Kirchentreppen. Dazu, wenn man Glück hat, Sterne, Bäume, vielleicht sogar die Nachtigall. Doch diese Schönheit ist meist von dem Augenblick an empfindlich gestört, da die (Provinz-) Theaterkunst ihr Geschäft beginnt.

Heiter-absurd sind die vielfältigen Wechselbeziehungen zwischen Freilicht-Theater und Theaterliteratur. Spielt man "Hamlet" in Helsingör, dann hat das eine gewisse geographische Logik. "Des Meeres und der Liebe Wellen" in Dinkelsbühl ist schon weniger einleuchtend; weit sind der Hellespont und alle anderen salzigen Wasser. Eine Wald- und Felsenbühne wie die in Wunsiedel mag ihren Sinn und ihren Reiz haben, wenn man dort Shakespeare-Komödien aufführt, Wald- und Sommernachtsstücke. Für Kleists "Zerbrochenen Krug" (der erstens bei Utrecht, also im niederländischen Flachland, und zweitens in Dorfrichter Adams Wohn- und Amtsstube spielt) sind Bäume und Felsen ein wahrhaft kurioser Hintergrund. Doch den spaßigsten Freilicht-Einfall hatten die Nürnberger: Sie spielen in der Ruine der Katharinen-Kirche "Das Wirtshaus im Spessart". Genauso sinnig wäre: Eliots "Mord im Dom" in einer Wirtshausruine.

Sommertheater in Deutschland – das ist ein ebenso zweifelhaftes (die Freilichtbühnen sind fest in der Hand der zweit- und drittrangigen Regisseure) wie kostspieliges Vergnügen: Wer in Bad Hersfeld in einer der ersten sechzehn Reihen sitzen will, muß dafür dreißig Mark bezahlen. Es könnte auch anders sein. Sommertheater: das könnte die Zeit der Laienbühnen und der Schmieren, die Zeit des politischen und des unpolitischen Straßentheaters sein. In München gab es so etwas einmal, vierzehn olympische Tage lang: die "Spielstraße". Damals ahnte man: Sommertheater kann Volkstheater sein. Heute ist es leider wieder nur, fast überall im Lande: Stadttheater im Freien. Benjamin Henrichs