Wer das Portugal des faschistischen Regimes von Salazar und Caetano kennengelernt hat, traut seinen Augen nicht: In den Programmnotizen zu einem Konzert der Gulbenkian-Stifung in Lissabon ist zu lesen, daß der Komponist Xenakis Xenakis während seiner Athener Studienzeit "teilnahm am Widerstand gegen das Nazi-Regime und während der Kämpfe am 1. Januar 1945 schwere Gesichtsverletzungen erlitt. 1947, nach Gefängnis, Konzentrationslager und Todesurteil floh er nach Paris". Bis zur April-Revolution des Generals António de Spinola hätte ein solcher Text nicht erscheinen können. Heute faßt eine Straßeninschrift all die vielen politischen Wandsprüche, die jetzt hier zu lesen sind, zusammen: "Viva a liberdade!"

Die Musikwochen der Gulbenkian-Stiftung – dieses Jahr dauern sie vom 16. April bis zum 25. Juli – sorgen regelmäßig für die Höhepunkte im portugiesischen Musikleben. Einerseits ermöglichen sie Klassisches auf höchstem Qualitätsniveau – Nikita Magaloff beispielsweise mit einem sechsteiligen Chopin-Zyklus, oder das Assmann-Quartett, das an zwei Abenden Schönbergs Quartette spielte; andererseits legt es ungeheuer großen Wert auf zeitgenössische Musik – dieses Mal gab es vier Uraufführungen, drei davon als Auftragskompositionen der Gulbenkian-Stiftung, und 22 portugiesische Erstaufführungen.

Einer dieser Aufträge war an Iannis Xenakis gegangen. Sein Fünfundzwanzig-Minuten-Stück für einen ohne Text singenden Chor und Orchester, "Cendrées", unterscheidet sich von den meisten heutzutage komponierten Stücken durch seine rhythmische Vitalität – wenngleich diese Rhythmen sich aus ganz einfachen Mustern entwickeln. Das Werk fiebert vor Intensität, verbindet heterogene Komponenten zu einer beinahe organischen Einheit, wobei eine spezielle Technik besonders deutlich wird: der nach Art alter Orgelpunkte durchgehende langgehaltene tiefe Baß-Ton. Da beginnt ein Teil ganz simpel mit einer einfachen Flöte, ein Piccolo kommt hinzu, später die ganze Holzbläsergruppe – das ist mit außerordentlicher Phantasiekraft erfunden und auf Steigerung arrangiert.

Wie jede andere Organisation im nachrevolutionären Portugal muß auch die Gulbenkian-Stiftung sich und ihre Vergangenheit in langen Sitzungen verteidigen. Dabei haben eine Reihe von Angestellten ihre Sorgen geäußert und den Mut zu Neuem gefordert, aber auch die Ratlosigkeit formuliert. Vor der Revolution schon hatte nämlich die Ölkrise des letzten Winters, die Stiftung hart getroffen: Die Verstaatlichung der Ölgesellschaften im Mittleren Osten brachte die Stiftung über Nacht um vierzig Prozent ihrer Einkünfte.

Seit der Revolution im April wurden Stimmen, auch aus der Stiftung selber, laut, die einige Rücktritte forderten, beispielsweise des Präsidenten João de Azereds Perdigão, und seiner Frau, die die Musikabteilung leitet. Ihre Gegner lasten ihnen an, daß die Stiftung, die gegen Ende der Salazar-Ära errichtet wurde, nicht energisch genug für das ganze Volk eingetreten sei.

Musik bestimmt nur einen kleinen Teil der weltweiten Initiativen der Stiftung. Dieses Jahr werden außer der umfangreichen Saison in Lissabon musikalische Veranstaltungen in fünfzehn anderen portugiesischen Städten (einschließlich Madeira und Azoren) durchgeführt, daneben Konzerte in Madrid, Valladolid und Cuenca, fünf in Belgien, in Marseille, Genua und Angers; ferner macht das Gulbenkian-Ballett eine größere Jugoslawien-Tournee. In Lissabon selbst hält die Stiftung ihre Eintrittspreise so, daß vor allem die jungen Leute in die Veranstaltungen strömen zwischen einer und sechs Mark für Konzerte, bis zu 10 Mark für die Ballette, bis 13 Mark für die Oper. Wenn der Stiftung überhaupt etwas vorzuwerfen wäre, dann höchstens ihr Hang zum Modischen: In den letzten Jahren gingen die entsprechenden Aufträge immer mehr an Leute wie Messiaen, Penderecki oder Xenakis, Komponisten also, die sich längst durchgesetzt hatten, lange bevor die Gulbenkianer Notiz von ihnen nahmen. Da haben sich andere Festivals verdienter gemacht, indem sie sich um die noch zu Entdeckenden kümmerten.

Als jetzt Xenakis’ "Cendrées" uraufgeführt wurde, gab der Komponist, dessen Affinität zum "Volk" keinem Zweifel unterliegt, vom Podium herunter eine Einführung: Vor einigen Jahren, sagte er, habe er schon einmal, einen Auftrag von Lissabon bekommen, und er habe die "Nuits" geschrieben – sie seien "allen politischen Gefangenen in der Welt" gewidmet gewesen; nun habe er, als eine Geste der Solidarität, die Partitur von "Cendrées dem Ehepaar Perdigão gewidmet – die Geste scheint verstanden worden zu sein. Denn das wäre in der Tat schlimm: wenn die revolutionär-demokratischen Kräfte wieder einmal, und bei der Gulbenkian-Stiftung schien es zu passieren, das berühmte Kind mit dem Bade ausschütteten. Paul Moor