ZEIT: Hat die Bundesregierung die Preisstabilität als Ziel Nummer 1 aufgegeben? Es gibt eine Reihe von Anzeichen dafür, z. B. auch Ihre Ankündigung eines Ankurbelungsprogramms für die zweite Jahreshälfte.

Friderichs: Nein, das hat sie nicht getan. Sie hält vielmehr an einer restriktiven Politik härter und länger fest, als vielen Kritikern recht ist. Die Bundesbank fährt in Übereinstimmung mit der Bundesregierung nach wie vor einen restriktiven Kurs. Die Maßnahmen der letzten Woche, die den Banken den Zugang zum Zentralbankgeld erleichtert haben, bedeuten lediglich eine sehr geringfügige Liquidisierung. Daraus ist zu erkennen, daß nicht beabsichtigt ist, den Kurs zu verschärfen, daß wir uns aber auch nicht solchen Lockerungstendenzen, die vom Markt herkommen, verschließen wollen. In der Jahresprognose haben wir mit einer leichten konjunkturellen Belebung in der zweiten Jahreshälfte gerechnet. Ich habe erklärt, daß die Bundesregierung handeln wird, wenn diese erwartete Belebung ausbliebe und dadurch in einzelnen Bereichen nicht vertretbare Schwierigkeiten entstünden. Ein Ankurbelungsprogramm habe ich aber nicht angekündigt, wie vielfach fälschlich behauptet wird.

ZEIT: Wirken nicht auch die hohen Exportüberschüsse der Stabilität entgegen und verärgern sie nicht obendrein unsere Handelspartner, worauf Graf Lambsdorff hingewiesen hat?

Friderichs: Auch ich bin mit dem zu hohen Außenbeitrag unzufrieden, halte aber administrative Eingriffe in den Export nicht für richtig. Ich glaube vielmehr, daß das Instrument flexibler Wechselkurse auch auf diesem Gebiet der richtige Steuerungsmechanismus ist. Im übrigen dürfte eine sich belebende Binnenkonjunktur den Exportüberschuß tendenziell verkleinern, sei es dadurch, daß Waren, die jetzt in den Export gehen, für den Inlandsmarkt verfügbar gemacht werden, sei es, daß durch eine belebte Binnennachfrage die Importe steigen und der Saldo sich verringert.

Im übrigen würde durch eine drastische Beschränkung des Exports durch staatliche Maßnahmen nur erreicht werden, daß entweder in diesen Bereichen die Beschäftigung zurückginge, oder daß man ein binnenwirtschaftliches Expansionsprogramm einleiten müßte, um die Nachfrage für die Inlandsmärkte zu schaffen.

ZEIT: Schließlich sind die angekündigten Steuersenkungen dem Stabilitätsziel diametral entgegengesetzt.

Friderichs: Diese Steuersenkungen sind eine unmittelbare Folge der Steuerreform, mit der wir freilich am besten in einer Rezession fertig werden würden. Aber eine Rezession haben wir, Gott sei Dank, nicht. Deshalb wird es sehr darauf ankommen, was mit den 12 Milliarden. Mark, die als zusätzliche Einkommen zur Verfügung stehen werden, gemacht wird: ob sie überwiegend in den Verbrauch fließen oder ob ein hoher Anteil davon durch Sparen in den investiven Kreislauf überführt wird.