ARD und ZDF, 13. Juni bis 7. Juli: Berichte von der Fußball-Weltmeisterschaft

Die Sprache der Reporter – Rudi Michel voran – war sachlich. Es herrschte Nüchternheit, Exzesse fehlten: die Diktion von Chronisten, die sich hüteten, Werturteile abzugeben, und, das ist rühmenswert, auch ein Spiel wie die Begegnung zwischen den beiden deutschen Staaten neutral und distanziert analysierten. Um so auffälliger freilich die gelegentlich eingestreuten Metaphern und lyrischen Wendungen. Wenn Buchhalter zu dichten anfangen und Overaths Seelendrama beschwören – das klingt, als ob Rechenlehrer Courths-Mahler zitieren: Zweimal zwei, sagte die Contessa, ist vier, und sah dem Baron mit verlangendem Blick in die Augen.

Das Spiel ist ein Spiel, hieß die Devise; wir sprechen von dem, was wir sehen; nur darauf sind wir programmiert; unsere Gedanken enden dort, wo das Stadion endet. Nichts also von Ökonomie (was verdienen die Spieler – für welche Leistung?), nichts von Medizin und Psychologie (warum verstießen die Preußen von Malente gegen jene oft genug erhärteten Gesetze, die da besagen, es sei der pure Aberwitz, aus einem Trainingslager ein Kloster zu machen und Männer in Mönche auf Zeit zu verwandeln?), nichts, vor allem, von Politik.

Als Demonstranten bei den Spielen der Chilenen gegen eine Junta protestierten, für die die Worte "Freiheit" und "Konzentrationslager" Synonyma sind, da sprach der Reporter, den Geboten von Ruhe und Ordnung verpflichtet, vom Mißbrauch eines sportlichen Ereignisses: Das gehört nicht hierher. Die Zuschauer haben kein Verständnis dafür. Das ist nur eine kleine Gruppe. Hier geht es um Fußball.

Und wie leicht wäre es dabei gewesen, mit behutsamen Worten, mit einem vielleicht oder offenbar oder möglicherweise, auf die Ziele der Demonstrierenden einzugehen: Diese Leute, hätte der Sprecher sagen können, wollen vor den Millionen in aller Welt offenbar darauf aufmerksam machen, was in diesem Augenblick in den Schreckenslagern Chiles (und den Schreckenslagern aller Welt) geschieht, während eine Mannschaft zur Ehre ihrer Zwingherrn antritt.

Wenn man also schon, dem schönen Schein anheimgegeben, nicht über die Stadionmauern hinwegblicken wollte, hätte man mindestens das, was innerhalb dieser Mauern geschah, sachlich, mit knapper Darlegung des Tatbestands (und dessen Motivation) nennen müssen. Aber gerade das tat man nicht. Man schwieg und unterschlug ... und hätte doch, den Blick auf die olympischen Spiele von 1936 gerichtet, sehr wohl erkennen können, wie nützlich es ist, wenn ein Sprecher über den Exekutionen im Spiel, den Strafstößen und Feldverweisen, Exekutionen anderer Art nicht vergißt.

Ansonsten alles wie gehabt. Wenn die Spieler sich kurios gaben, ließ man sie reden: Was wollt Ihr denn, so sprechen Fußballer halt. (Beckenbauer: "Wir wollten unserem Trainer mit einem Sieg über die DDR eine Freude machen, weil er doch auch von drüben kommt.") Wenn die sogenannten Experten im Stadion dasselbe sagten wie der Reporter, ließ man sie reden. Und wenn die Moderatoren zum viertenmal wiederholten, was erstens der Sprecher und zweitens der Stadion-Experte und drittens der Studio-Experte gesagt hatten, dann ließ man sie ebenfalls reden.