Um Tore und Geld

Freitag, 14. Juni

Endlich wird serviert, was in Malente zusammengekocht worden ist: die deutsche Elf für die Weltmeisterschaften. Hätte nicht Paul Breitner, über dessen pädagogische Ambitionen und politische Bekenntnisse wir in letzter Zeit so umfassend informiert worden sind, plötzlich jenes Loch gesehen und (so Breitner) "einfach draufgehalten", in Deutschland herrschte schon heute kleine Volkstrauer. Breitners Geschoß sicherte zwar das 1 : 0 gegen Chile und dadurch das Optimum von zwei Punkten. Wenn die deutsche Mannschaft und ihr Trainer es aber darauf abgesehen gehabt hätten, die lästige Favoritenrolle loszuwerden und dabei dennoch keine Punkte einzubüßen, dann wäre ihnen das so vollkommen wie nur möglich gelungen.

Zunächst nur von ihren Landsleuten angespornt, die die 8000-Mark-Reise um die halbe Welt nicht gescheut haben, bald jedoch auch von den paar tausend Hamburgern, geben die Antipoden aus Australien ihr Debüt. Die ihnen zugedachte Rolle eines Punktlieferanten konnten sie nicht abschütteln. Aber unsere zum ersten Male zu Fußballweltehren emporgestiegenen Brüder aus dem östlicheren Deutschland mußten sich doch sehr strecken, um wenigstens zwei Tore über die Runden zu bringen.

Sonnabend, 15. Juni

Alle gehen auf Nummer Sicher und verteidigen; die edlen Polen, wie sie vom 17. bis ins 19. Jahrhundert hinein gern genannt wurden von ihren Bewunderern, sie greifen an. Und wie! Das ist phantastisch. Sie teilen ihre Kräfte nicht ein, sie ziehen sich nicht zurück auf Ruhepausen besonnenen taktischen Ballgeschiebes; sie kämpfen, mit mehr Härte gegen sich selbst als gegen die anderen, bis zum Umfallen. Ein bißchen raffinierter hauszuhalten mit ihren Kräften, das müssen sie ganz schnell noch lernen, wenn sie auch am Ende noch dabeisein wollen.

Zuzutrauen wäre es ihnen. Und zu gönnen wäre es ihnen auch: den Amateuren unter Profis. Nur so zum Spaß spielen natürlich auch sie nicht. Man nennt sie mit Recht "Staatsamateure". Sie haben alle gute Stellungen, in der Armee, in der Polizei, im öffentlichen Dienst, wo das, Gehalt auch während des Trainings – oder jetzt, während der Weltmeisterschaften – weiterläuft. Aber es ist doch ein bescheidenes, ein ganz normales Gehalt. Verglichen mit den Fußballmillionären Westdeutschlands, Italiens, Hollands, Brasiliens sind die Polen Kleinbürger des Fußballs. Ihr Erfolg schiene in der Tat Anlaß genug, sich über die Stärke kapitalistischer Motivationen ein paar neue Gedanken zu machen.

Montag, 17. Juni

Um Tore und Geld

Nun haben wir also jede Mannschaft einmal "im Einsatz" gesehen. Da sahen die meisten ganz anders aus als in den letzten Trainingsspielen. Australien, Zaire und Haiti werden, solange sie können und dürfen, der Veranstaltung Farbe geben, das steht fest.

Die Südamerikaner werden dem großen Ruf, der ihnen vorauseilte, nicht gerecht. Für sie ist europäisches Klima wohl ebenso hinderlich, wie es das Klima in Mexiko für die Europäer war. Eine europäische Mannschaft hat die besten Aussichten auf den Sieg: vielleicht die Holländer.

Dienstag, 18. Juni

Die schöne Fußballanthologie des Hanser-Verlags hat leider den falschen Titel. Netzer kommt keineswegs aus der Tiefe des Raumes, sondern ist nur mal so eben auf die Reservebank vorgerückt, wo er dann auch sitzen blieb.

Also: Wenn ich Helmut Schön wäre, dann würde ich gegen die DDR das Mittelfeld mit Netzer, Overath, Hoeneß besetzen. Es könnte ja doch sein, daß der enttäuscht Enttäuschende dann wie einst mit Riesenschritten "aus der Tiefe des Raumes" zu kommen wieder lernt; und ohne einen solchen Netzer sieht es nicht so gut aus für eine westdeutsche Mannschaft, die nicht mehr gegen Australien, sondern (vielleicht, zum Beispiel) gegen Brasilien, Jugoslawien und Polen, am Ende gegen Holland anzutreten hat.

Meine Favoriten halten sich bis jetzt wacker. Ich hatte auf folgende letzten vier getippt: Holland, Polen, Italien, Bundesrepublik.

Alle südamerikanischen Mannschaften enttäuschen. Nicht nur, weil sie schlecht abschneiden. Vielmehr, weil die elegante südamerikanische Balltänzerei, wie Pete sie so perfekt verkörperte, von harten Attacken gegen Schienbeine und Bauch des Gegners verdrängt worden ist. Die ersten beiden Platzverweise trafen nicht zufällig Südamerikaner: einen Uru und einen Argentinier. Auch die Brasilianer hatten es nur einem unfähigen holländischen Schiedsrichter zu danken, daß sie am Ende noch vollzählig waren. Die Schotten, gewiß keine Kinder von Zimperlichkeit, klagten, sie seien nach-diesem Spiel alle lazarettreif.

Um Tore und Geld

Die Exoten aus Australien, Haiti und Zaire sind die Lieblinge des Publikums. Als Haiti gegen Italien das erste Tor schoß, sollen im Reiche von Söhnlein Doc Duvalier Fernsehzuschauer einen Herzschlag erlitten haben. Die Australier wurden die großen Freunde der Hamburger, die ihnen zujubelten und Beckenbauer auspfiffen. Ihr bester Stürmer, Aiston, verhandelt schon mit Bundesliga-Vereinen. Nun waren heute die Jugoslawen als erste so ungalant, den Negern aus Zaire zu zeigen, daß am Kongo der Fußball noch immer in den Anfängen steckt: Sie verpaßten ihnen neun Tore!

Ein Neger wurde vom Platz gestellt, weil ein anderer Schiedsrichter Delgado in den Hintern getreten hatte. Auch für den Kolumbianer sahen offenbar alle Neger gleich aus.

Mittwoch, 19. Juni

Radio DDR meint, es sei ein Gerücht, daß "die Übertragungen von der Fußballweltmeisterschaft produktivitätsmindernd wirken könnten", richtig sei vielmehr, "daß Erfolg anregend wirkt, sei es im Sport, sei es in der Durchsetzung unserer Politik". Die schlichte Wahrheit ist freilich: Während die Leute vorm Fernsehapparat sitzen, arbeiten sie nicht.

Donnerstag, 20. Juni

In Malente soll der Lagerkoller ausgebrochen sein. Beckenbauer beschwerte sich: zuviel Trainiererei, zuwenig Abwechslung. Stunk auch im Lager der Italiener, der Schotten, der Brasilianer. Es gehörte allzu naiver Optimismus dazu, vom Prestigekampf einer Fußballweltmeisterschaft friedfertige Heiterkeit ringsum zu erwarten.

Sonnabend, 22 .Juni

Um Tore und Geld

Vor der eigenen Glotze zu sitzen, besser und trotzdem billiger zu essen und zu trinken als an Würstchenbuden und Bierständen, ist verführerisch. Ein Weg, den gleichzeitig Zehntausende nehmen, ist mühsam. Ich muß der Verführung widerstehen und Mühsal auf mich laden; denn wo er so verhältnismäßig nahe vor meiner Tür spielte, wollte ich doch den Weltmeister auch mal im Fleische sehen. Ich lieh mir das Fahrrad meiner Tochter aus; so eins mit ziemlich kleinen Rädern, auf denen einen die Polizei zur Not auch wenig begangene Fußgängerwege benutzen läßt.

Zwei Kilometer vor dem Stadion war die Zufahrtsstraße von Polizisten gesperrt – für Autos, ich durfte durchradeln. Zwei weitere Sperren passierte ich ebenso anstandslos. An der Tribüne konnte ich das Fahrrad abstellen. "Schließen Sie es an", mahnte mich ein freundlicher Polizist, "sonst stehen nachher zwei da."

Nachdem das Transportproblem so zufriedenstellend gelöst war, kam nun die Frage des Eintritts. Eine Karte hatte ich natürlich nicht.

In den Hamburger Lokalzeitungen wurden während der letzten drei, vier Tage Karten angeboten: für "Meistbietende", achtzig Mark (ein Stehplatz), vierhundert Mark (ein Sitzplatz).

Die Kollegen vom Fernsehen, die mit Sonderwagen auf Sonderparkplätze fahren und sich von dort zu ihren reservierten Sondersitzen begeben, übernahmen diese Preise in ihre aktuelle Berichterstattung. Wahr ist vielmehr: Eine Viertelstunde vor Spielbeginn gingen die Stehplätze für fünf Mark weg (und viele Kartenverkäufer blieben auf einem Teil ihres offenbar reichlichen Vorrates sitzen). Da ich nicht mehr jung genug bin, zwei Stunden lang zu stehen, wenn es nicht sein muß, entschied ich mich für einen Sitzplatz zu 35 Mark – nur zehn Mark mehr, als der Verkäufer selber für die Karte bezahlt hatte.

Die letzte Viertelstunde vor Anpfiff verbrachte ich mit Besuchern aus der DDR, die ganz anders waren, als illustre Kollegen sie in der deutschen Presse dargestellt haben: gar nicht brav, gar nicht bieder, gar nicht diszipliniert; sondern eher schon ein bißchen betrunken, ein bißchen randalierend, man hatte sie für Fußballpublikum aus Westdeutschland halten können, wenn sie nicht Fahnen mit Hammer und Zirkel bei sich gehabt und so schön die vertrauten Laute meiner sächsischen Heimat artikuliert hätten. Sie saßen zusammen in zwei großen Blocks, einem teureren sitzenden und einem billigeren stehenden: Es gibt auch dort offenbar Unterschiede.

Als die Hymne der Deutschen Demokratischen Republik erklang, erhoben sich die Hamburger und die nach Hamburg der Weltmeisterschaft wegen Zugereisten respektvoll. Wo es Proteste gab, setzten sie sich auch nicht andeutungsweise durch. Mein Nachbar schimpfte, mit unverkennbar sächsischem Unterton, zwar kräftig – "Mauert ihr nur, heute werdet ihr mal sehn, wie eine Mauer in die Luft gejagt wird –, aber er wurde in der Gruppe, die bei dieser Gelegenheit sich bildete im Block 17, Reihe 28 bis 32, Platz 5 bis 9, zur Ordnung gerufen und schloß am Ende Blutsfreundschaft mit seinem kommunistischen Nachbarn, der für die DDR hielt.

Um Tore und Geld

Daß das Spiel schließlich verlorenging, finde ich gut. Als Netzer in der 55. Spielminute anfing, sich warmzulaufen, ging ein Raunen durchs ganze Stadion, und ermüdete Hoffnungen klatschten sich wach. Es dauerte dann noch einmal eine Viertelstunde, bis Netzer wirklich aufs Spielfeld ging, noch einmal lauter Beifall. Aber es war zu spät.

Das Gegentor fiel, ohne daß Netzer daran irgend etwas hätte ändern können. Und die fünfzehnhundert Besucher aus der DDR sangen: "Ja, mir san mit’m Radel da." Wieso? Die auch? Nein, es war nur die Melodie, die Worte dazu hießen: "Wo bleibt nun das zweite Tor?" Die fünfzehn Schlußminuten reichten nicht aus, diese Frage zu beantworten.

Ich habe bei meinem Ausflug viel gesehen, das halbe Bundeskabinett und den Bundeskanzler zum Beispiel und das größte Polizeiaufgebot, das es im Volksparkstadion je gegeben hat. Aber den Weltmeister, den ich hatte besuchen wollen, den habe ich nicht gesehen.

Sonntag, 23. Juni

"Kennen Sie Millionäre wie Horten oder Auto-Becker oder Springer?" fragte einer unserer Wirtschaftsredakteure.

Ich kenne.

"Glauben Sie, daß die mit äußerster Anstrengung rennen?"

Um Tore und Geld

Ich glaube das nicht.

"Glauben Sie, daß die scharf schießen?" Ich hoffe das nicht.

"Dann wissen Sie auch, warum wir die Weltmeisterschaft nicht gewinnen können."

Das Spiel DDR – BRD ist noch in allen Köpfen. Von nichts anderem ist so viel die Rede. Und das wird auch bleiben, bis das Spiel Bundesrepublik – Jugoslawien neuen Gesprächsstoff liefert. Wenn einer erst mal Millionär ist, so also die ökonomische Betrachtungsweise, dann schindet er sich nicht mehr fürs Geld.

Uwe Seeler ist da ganz anderer Ansicht: "Natürlich ist Geld wichtig. Aber wenn man erst mal auf den Platz gelaufen ist, dann denkt man nicht mehr daran, dann kommt es nur noch darauf an, das Spiel zu gewinnen."

Mittwoch, 26. Juni

Die Situation ist da, pflegte Adenauer zu sagen. Der Kampf ums deutsche Überleben, gegen die Jugoslawen und überhaupt, mußte pikanterweise just in den Tagen geführt werden, in denen Jugoslawiens Staatschef Tito die Bundesrepublik besuchte und in den von ihm beehrten Städten den Verkehr lahmlegte. Wir gehen kein Sicherheitsrisiko ein. Die Olympischen Spiele von München unseligen Angedenkens haben uns Wachsamkeit gelehrt. Ob Marschall Tito nun wollte oder nicht: Er durfte in Düsseldorf nicht die fußballerische Niederlage der Jugoslawen miterleben.

Um Tore und Geld

Gegen Jugoslawien spielten zum erstenmal nicht nur die Bayern, waren die anderen nicht nur Anhängsel. Die beiden alles entscheidenden Tore wurden freilich dennoch von Bayern gemacht.

Breitner, dem es zu danken ist, daß auch Nicht-Intellektuelle inzwischen von "Maoismus" gehört haben, schoß wie gegen Chile und nach dem gleichen Prinzip – "Lücke und draufhalten" – das entscheidende Tor. Gerd Müller durfte wie in besten Bayern-Zeiten "abstauben": Halb liegend gelang es ihm, den Ball ins Tor zu befördern. Nun schreiben die an den jeweiligen Tages-

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erfolg sich Anhängenden, die gestern "kreuziget" schrieben, wieder "hosianna".

Sonntag, 30. Juni

Und dann das Spiel Schweden – Westdeutschland: Es konnte dem Fußball neue Freunde gewinnen. Ein spannenderes haben wir während dieser WM 74 bisher nicht zu sehen bekommen. Gerade weil die Beckenbauer, Overath & Co. nach den ersten zwanzig Minuten keineswegs mehr eindeutig überlegen waren; gerade weil die taktischen Konzepte nicht aufgingen – taktische Konzepte sehen niemals sechs Tore in einem einzigen Spiel vor.

Mittwoch, 3. Juli

Um Tore und Geld

Das Spiel zwischen Polen und Westdeutschland wird als die Wasserschlacht von Frankfurt in die Fußballgeschichte eingehen. Wäre sie verlorengegangen, hätte sich die Schlagzeile der BILD-Zeitung, die während der letzten Wochen weder Mühe noch Kosten gescheut hat, den Bundestrainer zu beraten, voraussehen lassen: "BILD fordert Wiederholung – Der Platz war unbespielbar."

Auf der Ferieninsel war während des ersten Spieltags der zweiten Runde (Deutschland spielte gegen Jugoslawien) durchaus noch Leben. Am zweiten Spieltag (Deutschland spielte gegen Schweden) konnte man bei Braderup am Watt immerhin noch Frauen und Kinder sehen – so wurde mir erzählt. Heute hatte nun auch die letzte Kneipe einen Farbfernseher installiert. Straßen und Strände waren leer.

Sonntag, 7. Juli

Kein Sprichwort ist heute so oft mißbraucht worden wie "Ende gut, alles gut": Die ironische Resignation, die Shakespeare diesen Worten mitgegeben hat, als er eine bitterböse Komödie mit Gewalt zum guten Ende führte – all’s well that ends well – dürfte heute in keinem Fall beabsichtigt gewesen sein.

Und das Ende war ja auch gar nicht so gut. Gut war die erste Halbzeit des deutschen Spiels, diese unglaubliche Erholung vom unglückseligen Zusammenprall zweier Prinzipien; dem Prinzip der deutschen Mannschaft, Cruyff von Anfang an hart zu nehmen, und dem Prinzip des englischen Schiedsrichters, gerade am Anfang keine Härten zu dulden: Elfmeter nach anderthalb Minuten Spielzeit. Kein Regisseur hätte sich das besser ausdenken können.

Gut war das erstaunliche Comeback der alten Herren Overath und Grabowski, ebenso wie der nicht minder erstaunliche Aufstieg eines bis dahin außerhalb Mönchengladbachs so gut wie unbekannten Jungen, Rainer Bonhof.

Ach, es war schon vieles ganz gut. Am allerbesten freilich war, was so schwer faßbar ist und daher so leicht unterschätzt wird: Drei glorreiche Wochen lang gab es einen "Welterzählstoff", gab es ein Thema, über das Schotten sich mit Australiern unterhalten konnten und sogar mit Engländern, das Brücken schlug zwischen Hamburger Journalisten und linientreuen Sparwasser-Anhängern, das in Hafen-Kneipen wie in Herrenhäusern neue Kontakte möglich machte. Morgen wüßte ich sogar mit Gracia Patricia etwas zu reden.