ARD, Dienstag, 9. Juli: "Kennen Sie Kino?"

Der Titel "Cherie Bitter" bringt ihn auf "Bitterer Reis" und "Bitterer Honig", von einem Trickfilm mit einer Katze turnt er kühn hinüber zu "Frühstück bei Tiffany", weil da ja auch eine Katze mitspielte, und "Rabbi Jacob" beginnt in New York, in New York aber spielte auch der Film ... Hellmuth Lange, Moderator der Filmsendung "Kennen Sie Kino?", angestrengt lächelnd und unsicher haspelnd, landet auf abenteuerlichen Wegen immer ganz schnell da, wohin er will: bei der nächsten Frage aus der Filmgeschichte.

Die Sendung bietet somit ein dreifaches Quiz-Vergnügen: Filmliebhaber rätseln vergeblich, wie wohl jene neuen Filme tatsächlich aussehen könnten, aus denen sie ein vorzugsweise aus Komik- und Action-Höhepunkten gemixtes Ragout vorgesetzt bekommen; Freunde kreativen, kombinatorischen Denkens können Wetten abschließen, wie toll man die Namen-, Titel-, Zahlen-Akrobatik steigern und die Absurdität perfektionieren kann, je mehr jemand von Film versteht, desto sicherer wird er sich in dieser Filmsendung blamieren; die Anhänger unfreiwilliger Komik und hanebüchener Sprachstolpereien dürfen schließlich raten, auf welchen neuen Eselsbrücken Hellmuth Lange wohl von einem Western-Ausschnitt zu Ludwig XVI. und von einem Karate-Eastern zu Shakespeare hinüberfinden wird. Im dritten Fall bleibt "Kennen Sie Kino?" immer Sieger.

Eine "kinofreundliche" Sendung. Ausschnitte aus über zehn neuen Filmen, dazu kurz ihr Titel, Regisseur, Star und ein, zwei nichtssagende Attribute aus dem Schatzkästlein der immer gleichen Üblichkeiten und Platitüden: "ein tolles Gaunerstück", "der Lachschlager Nummer eins", "erstklassig", "ein Kabinettstück", "ein toller Filmspaß". Man wirbt ganz unverkennbar: ein Film wird als "ganz hervorragend, interessant und überzeugend" apostrophiert. Man wird auch noch deutlicher: "Ich würde sagen: vormerken!" Oder: "Das wär’ was für die Kinder!" Bei Qualität, in diesem Fall "Lacombe Lucien", sind eher kleine distanzierende Warnungen angebracht: "ein viel beachteter, aber auch ein umstrittener Film."

Der Schauspieler Hellmuth Lange kann nicht so dumm sein wie das, was er meist reden muß in dieser Sendung, obgleich er sichtlich nichts von all dem versteht (das zeigen seine gelegentlichen Ausflüge in die Improvisation) und sich sichtlich unwohl fühlt in seiner Rolle. Er wirkt anständig, sauber, nett, kumpelhaft, sagt der NDR, das ist entscheidend, das kommt an.

Auch die Sendung kommt an, hat eine gute Beteiligung und gilt als werbewirksam. Aber wofür? Schwierige und anspruchsvolle Filme werden selten erwähnt, solche dagegen, die eine Gratiswerbung im Fernsehen kaum nötig hätten, gleich in zwei Folgen hintereinander ("Zwei tolle Hechte auf dem Weg zum Himmel", "Der Clou", "Rabbi Jacob"). Auswahlkriterien nach unten sind kaum erkennbar, die billigen Lobhudeleien gehörten ins Werbefernsehen, auch nur zarte Ansätze von Kritik, Information oder gar Auseinandersetzung sucht man vergeblich. Das Branchenblatt der Altfilmer, "Filmwoche/Filmecho", weiß nur zu gut, warum es die Sendung lobt und sich freut, daß ein "Filmwirtschaftsangehöriger" die Regie führt.

Die Peinlichkeit namens "Kennen Sie Kino" hat aber noch einen anderen Aspekt. Während einerseits die Fernsehanstalten als Konkurrenten der Verleihe auftreten, ignorieren sie andererseits die medienadäquate Berichterstattung über den Film oder verdrängen sie in die Dritten Programme; während das ZDF fünf regelmäßige Filmsendungen betreibt ("Ratschlag für Kinogänger", "Apropos Film", "Neues vom Film", "Filmforum", "Der internationale Kurzfilm"), begnügt sich die ARD mit dieser grotesken Quiz-Parodie, die Information und Aufklärung über Film systematisch abblockt statt initiiert und die dem Weltbild der alten deutschen Filmbranche entspricht: Film ist Massenunterhaltung, die Masse ist dumm, Filme und Filmsendungen können den Massen zwangsläufig nur dumm kommen.

Eine kinofreundliche Sendung ist gut und wichtig und hat ihre Berechtigung dann, wenn sie nicht auf niedrigstem Niveau durch blinde Acklamation die Misere des deutschen Films perpetuiert, sondern wenn sie, ohne auf den Unterhaltungswert zu verzichten, über wichtige Filme und neue Trends, über das aktuelle Angebot, Stars und Regisseure, Länder und Themen informiert. Einiges im ZDF oder "Kino 74" im Westdeutschen Fernsehen sind Beispiele dafür, wie gut das geht. Die Initiatoren von "Kennen Sie Kino" im NDR sind guten Willens, aber die Sendung ist ein einziges Unglück. Und daß sich die ARD auf dem Sektor Film im Ersten Programm nichts weiter leistet als dieses Unglück und die kostbaren Novitäten, die man lieber im Kino sähe, das ist ein Skandal. Wolf Donner