Von Karin Vogel

Im trockenen Kommuniqué-Stil gaben die Tarifpartner ihren Kompromiß bekannt: "Nach längeren intensiven Verhandlungen ist in diesen Tagen für die chemische Industrie Hessens in Wiesbaden ein Abschluß erzielt worden. Er sieht eine Erhöhung der Tariflöhne um 88 beziehungsweise 90 Pfennig vor. Die Gehälter werden zwölf Prozent, mindestens aber um 135 Mark monatlich erhöht."

Noch vor wenigen Jahren boten derartige Verlautbarungen den leitenden beziehungsweise außertariflichen (AT-)Angestellten Anlaß zu lautstark dokumentiertem Selbstmitleid. Die Unternehmen gewährten ihnen zwar Statussymbole wie Vorhänge, Teppichboden und gepolsterte Schreibtischsessel mit Armlehnen, doch auf regelmäßige jährliche Gehaltsaufbesserungen konnten sie nicht mit absoluter Sicherheit vertrauen. Die Frustration in ihren Reihen war auch für die Unternehmensleitungen nicht mehr zu übersehen und hat sicherlich wesentlich zur Expansion der Union der Leitenden Angestellten (ULA) beigetragen. Auch die "Leitenden" erkannten die Notwendigkeit, sich in einem Verband zu organisieren.

Hans Friedrichs, Geschäftsführer der Deutschen Gesellschaft für Personalführung in Düsseldorf, beobachtet denn auch bei den 700 Mitgliedsfirmen seiner Organisation ein verändertes Verhalten gegenüber den leitenden Angestellten in der Gehaltspolitik: "Im Gegensatz zu früher geben die Firmen Tariferhöhungen voll an die AT-Angestellten weiter, und zwar in der Regel etwa zum gleichen Zeitpunkt, an dem die Tarifabschlüsse erfolgen. In manchen Unternehmen wird dabei jedoch nach tariflichen Bereichen (AT-Bereich) und tariffernen Bereichen (Leitende Angestellte) unterschieden."

Was Friedrichs unumwunden als allgemein übliche Praxis ausgibt, wird von vielen Unternehmensleitungen gern bestritten. Sie fürchten, ihren "Leitenden" ein Gewohnheitsrecht auf eine Erhöhung ihrer Gehälter einzuräumen, die zeitlich und prozentual der jeweiligen Tariferhöhung entspricht. Die Praxis aber sieht bereits anders aus: Im AT-Bereich wird die volle Tariferhöhung gezahlt, während leitende Angestellte neben der linearen Erhöhung, die Geldentwertung und Kaufkraftschwund ausgleichen soll, eine leistungsabhängige Zulage erhalten.

Seit dem 29. Mai 1973 ist diese Praxis nicht mehr allein vom Wohlwollen der Firmenchefs abhängig, zumindest was die lineare Komponente betrifft. An diesem Tag wurde ein Urteil des Landesarbeitsgerichtes Düsseldorf rechtskräftig, in dem unter anderem ausgeführt wird: "Werden zu einem bestimmten Zeitpunkt die Gehälter der tariflichen und der außertariflichen Angestellten allgemein erhöht, so darf ein außertariflicher Angestellter jedenfalls nicht insoweit von den Gehaltserhöhungen ausgenommen werden, als in den individuell unterschiedlichen Anhebungen für diesen Personenkreis wegen der Steigerung des Lohn- und Preisniveaus auch ein Grundbetrag enthalten ist."

Damit ist ein Nullwachstum für AT-Gehälter in Zukunft ausgeschlossen. Dennoch sind die "Leitenden" damit nicht zufrieden. Sie beklagen die Nivellierung der Gehaltsentwicklung. Auch das reale Wachstum wird in Relation zum ständig steigenden Leistungsdruck als unbefriedigend empfunden.