Ob ein Radiergummi wirklich radiert oder ein Fleckenwasser tatsächlich Flecken entfernt, kann jeder leicht nachprüfen. Für viele andere Konsumartikel trifft solches nicht zu. Wer vermag schon zu entscheiden, ob etwa ein Autoöl-Additiv in der Tat dem Motor ein längeres Leben verleiht, eine Zahncreme in Wahrheit vor Karies schützt, oder ob dies nur leere Reklameversprechen sind?

Besonders bedenklich ist solche Unsicherheit bei Arzneimitteln. Daß sie besteht, daß täglich unzählige Medikamente verschrieben und eingenommen werden, welche die Wirkung nicht zeitigen, die der Produzent verspricht, das verdanken wir einer skandalösen Laschheit in unserem Gesundheitswesen, die seit Jahrzehnten beklagt wird, aber erst jetzt beseitigt werden soll – mit einer Neuordnung des Arzneimittelrechts, für die das Bundesgesundheitsministerium einen Entwurf ausgearbeitet hat, der in Kürze dem Kabinett vorgelegt wird.

Gegenwärtig braucht der Hersteller eines Arzneimittels keiner Behörde gegenüber nachzuweisen, daß sein Produkt die von ihm behauptete Wirksamkeit tatsächlich besitzt. Deshalb liegen in den Regalen deutscher Apotheken stapelweise angebliche Medikamente, die zwar viel Geld kosten, jedoch den Heilungsuchenden nicht helfen können. Wieviele Millionen hierfür unnütz ausgegeben werden, wieviele Menschen vorzeitig sterben müssen, weil ihnen – guten Glaubens in die Werbesprüche der Industrie – an Stelle von hilfreichen Arzneien wirkungslose Substanzen verordnet werden – wer kann es ermessen?

Bald also soll dies anders werden. Der aus vielen anderen Gründen lobenswerte Gesetzesentwurf – wir werden darauf an dieser Stelle noch häufiger zu sprechen kommen – könnte wahrhaftig die wirkungslosen Präparate vom Arzneimittelmarkt verbannen. Aber man hat sich in Bonn zu einer kleinen Änderung überreden lassen, die diese erstrebenswerte Möglichkeit zunichte macht.

Wer ein neues Medikament in Verkehr bringen will, muß nach dem vorgeschlagenen Gesetz künftig einen Wirkungsnachweis erbringen, der dem jeweiligen Stand der wissenschaftlichen Erkenntnis entspricht. So weit, so gut. Ursprünglich sah der Paragraph 8 des Gesetzentwurfs auch eine ähnliche Verpflichtung für solche Arzneimittel vor, die schon auf dem Markt sind. Jetzt aber sieht diese Bestimmung so aus: "Es ist verboten, Arzneimittel herzustellen oder in den Verkehr zu bringen, die mit irreführender Bezeichnung... versehen sind. Eine Irreführung liegt insbesondere vor, wenn Arzneimitteln Wirkungen beigelegt werden, die nach dem jeweiligen Stand der wissenschaftlichen Erkenntnisse oder durch praktische Erfahrungen nicht hinreichend gesichert sind."

Die drei Wörter, "durch praktische Erfahrungen", die auf Drängen der Pharma-Lobby nachträglich eingefügt wurden, machen die erklärte Absicht des Ministeriums, uns von der Bürde der nutzlosen Mittel zu befreien, wieder zunichte. Denn was heißt "praktische Erfahrung" auf diesem Gebiet?

Krankheit und Heilung sind sonderbare Phänomene. Bei ihnen spielt die Einbildung oft eine große Rolle, und das betrifft sowohl den Kranken als auch den Arzt. Mancher Doktor schwört auf eine Therapie, die in Wirklichkeit ohne Effekt ist, gleichwohl aber ihm so vorkommt, als hülfe sie den Patienten. Seriöse Pharmahersteller wissen dies, weshalb sie sich bei der klinischen Prüfung eines neuen Medikaments ausdrücklich nicht auf die "praktische Erfahrung" der Prüfärzte verlassen, sondern das Mittel im kontrollierten Doppelblindversuch testen lassen.