Schwierigkeiten bei der Planung von zwei neuen Zellstoffwerken

Norbert Lehmann, Vorstandsvorsitzender der Papierwerke Waldhof-Aschaffenburg AG (PWA), macht sich nichts vor: "Bis heute gibt es keine Sulfat-Zellstoffabrik auf der Welt, die nicht im Umkreis von zehn Kilometern ganz erbärmlich stinkt." Dennoch ist er mit seinen Kollegen und Konkurrenten aus der deutschen Papierindustrie zuversichtlich, daß es möglich sein wird, solche Fabriken zu bauen. Die Branche, durch unausgelastete Kapazitäten und unzulängliche Erlöse jahrelang im Schatten der Konjunktur, hat durch die stark steigenden Preise neuen Auftrieb erhalten und macht mit spektakulären Projekten von sich reden.

Bislang wird in der Bundesrepublik der für die Produktion höherwertiger Papiersorten notwendige Zellstoff nur nach dem Sulfit-Verfahren hergestellt. Beim Sulfat-Verfahren werden statt der Salze schwefliger Säure (Sulfite) die Salze der Schwefelsäure (Sulfate) zur Produktion verwendet. Der Vorteil liegt darin, daß der nach dem Sulfat-Verfahren hergestellte Zellstoff universeller verwendbar ist. In den nächsten Jahren sollen, wenn alles nach Wunsch geht, die ersten Zellulose-Fabriken nach dem Sulfat-Verfahren gebaut werden: Bei einer Kapazität von jeweils 250 000 Tonnen jährlich, werden sie rund 400 Millionen Mark kosten.

Die eine Fabrik – in Ostbayern – wollen die drei Spitzenunternehmen der Branche gemeinsam errichten: PWA, Feldmühle AG, Düsseldorf, und Haindl Papier GmbH, Augsburg. Das andere Projekt – voraussichtlich in Hessen oder Niedersachsen – soll von einer Aktiengesellschaft mit 100 Millionen Mark Kapital unter Beteiligung aller Mitglieder (darunter auch PWA, Feldmühle und Haindl) des Verbandes Deutsche Papierfabriken (VDP) verwirklicht werden.

Die Planung für beide Vorhaben läuft parallel; die Voraussetzungen sollen gemeinsam geklärt werden. Zunächst wurde eine Studiengesellschaft gegründet, an der neben den vom Verband vertretenen Papierfabriken auch die Waldbesitzer beteiligt sind. An ein finnisches Ingenieurbüro (Jaako Pöyry) wurde bereits der Auftrag für eine umfassende Umwelt-Studie vergeben. Darin soll zweifelsfrei geklärt werden, ob hierzulande der Bau einer Sulfat-Zellstoffabrik nach dem heutigen Stand der Technik verantwortet werden kann und ob sich die Ausgaben für den Umweltschutz in vertretbaren Grenzen halten. Durch ein positives Urteil würde die herrschende Meinung auf den Kopf gestellt werden. Bisher galt unwidersprochen der Grundsatz, daß die in Skandinavien und Kanada üblichen Sulfat-Fabriken in Mitteleuropa nicht tragbar sind.

Die deutschen Zellstoffabriken produzieren jährlich knapp 553 000 Tonnen (davon entfallen auf die PWA allein 368 000 Tonnen) und decken damit den Bedarf der Papierindustrie nur zu knapp 30 Prozent. Daneben werden 1,47 Millionen Tonnen eingeführt, und zwar überwiegend der für hochwertige Papiersorten unentbehrliche Sulfat-Zellstoff. Die deutschen Papierproduzenten möchten aber bei wachsendem Papierverbrauch in ihrer Rohstoffbasis nicht ganz vom Ausland abhängig werden.

Die Hersteller glauben zudem, daß sie das Abwässerproblem mit großen Sulfatzellstoffwerken besser und billiger als mit kleineren Sulfitzellulosefabriken in den Griff bekommen. "Die technologischen Schwierigkeiten sind hier offensichtlich geringer", meint Eberhard Roos, Vorstandsmitglied der Feldmühle.