Von Rudolf Walter Leonhardt

Wird künftig das Abitur nicht mehr das Tor zum Studium öffnen? Die Westdeutsche Rektorenkonferenz (WRK) hat empfohlen, das Zulassungsverfahren zu den Hochschulen radikal zu ändern, um eine gerechtere Verteilung der knappen Studienplätze zu erreichen. Ein Triumph für die Gegner der Bildungsreform? Nun, sie werden gewiß behaupten: Hättet Ihr nicht für die höhere Bildung geworben, dann gäbe es auch nicht mehr Abiturienten, als an den Hochschulen Platz finden, und das Abitur könnte seine Aufgabe wie seit einem Jahrhundert weiterhin erfüllen.

Wahr ist freilich: Alle Schulreformer waren sich von Anfang an darüber einig, daß Bildungswerbung auch Konsequenzen im Bereich der Schulen und Hochschulen verlange. Georg Picht hat das ebenso klar gesehen wie Ralf Dahrendorf, und Hildegard Hamm-Brücher hat sogar einen Plan vorgelegt, der deutlich genug machte, daß solche Veränderungen notwendig sind, vor allem bei den Obergängen von der Schule zur Hochschule. Die Veränderungen im Hochschulbereich aber sind ausgeblieben. Zwei Bundeswissenschaftsminister sind darüber gestürzt. Diejenigen, die zur Resignation von Leussink und Dohnanyi beigetragen haben – sie sitzen nicht nur auf den Bänken der CDU/CSU – sollten deshalb jetzt keine Krokodilstränen über das Schicksal der Abiturienten vergießen, für die es an Studienplätzen fehlt.

Scheinheilig ist auch das alte Argument, manche Kinder hätten halt eher praktisch-technische, die anderen wissenschaftlich-theoretische Begabungen, und es diene daher nur dem allgemeinen Besten, wenn die einen zur Volksschule und die anderen zum Gymnasium gehen. Wenn es einen Run zum Abitur gibt, dann doch vor allem deshalb, weil diejenigen, die nicht das Gymnasium und die Universität absolvieren, im Berufsleben später meist weniger verdienen.

Das spätere Einkommen, nicht die besondere Begabung, ist im übrigen nur allzu oft auch für die Studienwahl der Abiturienten ausschlaggebend. Ein Musterbeispiel in dieser seit langem und in allen Ländern heftig geführten Diskussion sind die Ärzte. In Schweden ist es schon so weit, bei uns demnächst auch, daß die Gymnasiasten mit den besten Zensuren Ärzte werden. Denn westliche und östliche, kapitalistische und sozialistische Gesellschaften haben die Angst vor Schmerz und Tod gemeinsam. Das gibt dem Arzt seine überragende Tröster- und Helfer-Rolle, die allenthalben hoch honoriert wird. Also sagt jeder junge Schwede wie inzwischen auch jeder junge Deutsche sich: Ich war doch blöd, nicht Medizin zu studieren, wenn meine Zensuren so sind, daß der Computer mich auserwählt. Die praktizierenden Ärzte am allerwenigsten dürften über solchen Nachwuchs glücklich sein.

Die Misere ist bekannt. Was läßt sich tun? Es kann nicht darum gehen, das Abitur abzuschaffen. Es handelt sich zunächst und vor allem darum, dem Abitur als Abschluß einer höheren Bildung und Ausbildung mehr Gewicht zu geben. Das Prinzip, "wer nicht studiert hat, wird schlechter bezahlt", muß gebrochen werden.

Gelingt dies, dann wird es nicht mehr so schwer sein, sich über eine ebenso gerechte wie zweckmäßige Verteilung der Studienplätze zu einigen. Es sind sich ja doch inzwischen alle darüber im klaren, daß diese Abitur-"Durchschnittsnote", die bis auf zwei Stellen hinter dem Komma ausgerechnet wird, kein verläßlicher Maßstab, sondern eine öffentliche Aufforderung zur Unehrlichkeit ist: Doof im Sinne praktischer Vernunft wäre doch der Schüler, der sich statt der "leichten" die "gute" Schule aussuchte und statt des Faches, in dem sich eine 1 oder 2 erreichen läßt, das Fach, das ihn wirklich interessiert.