Hurrikane sind tropisch-ozeanische Wirbelstürme, die in jedem Jahr von Juni bis November die westindische Region und die südöstlichen Küstenstaaten der USA bedrohen. Es sind atmosphärische Wärmekraftmaschinen mit einer Leistung von etwa fünfhunderttausend Millionen Pferdestärken, sofern es sich um einen ganz normalen Vertreter seiner Art handelt. Um die gleiche Wärmemenge zu erzeugen, die so ein Sturm abgibt, müßte man für die Dauer seines Lebens ein von einer Million Tonnen Kohle gespeistes Feuer in Gang halten; innerhalb von vierundzwanzig Stunden entfesselt er die gleiche Energie wie vierhundert Wasserstoffbomben von je zwanzig Megatonnen Sprengkraft. Könnte man die in einem Hurrikan freiwerdende Wärme in Kraftwerken ausnutzen, ließe sich damit der Bedarf, der USA an Elektrizität für mehr als sechs Monate decken.

Diese Schätzungen gelten für Hurrikane der Mittelklasse mit einem Durchmesser von rund hundert Seemeilen und Windgeschwindigkeiten um hundertfünfzig Kilometer in der Stunde. Für Superhurrikane, die von Rand zu Rand dreihundert Seemeilen messen und mit doppelten Windstärken auftreten, reichen vergleichbare Maßstäbe kaum noch aus. Mit ähnlichen Gewalten treten auch die Taifune des Pazifiks und die Zyklonen des Indischen Ozeans auf den Plan, die sich nach demselben Rezept zusammenbrauen. Freilich leben sie selten so lange wie ein Hurrikan und kommen ihm gewöhnlich nicht an Umfang gleich. Hurrikane gelten daher als die gewaltigsten und schrecklichsten aller irdischen Stürme.

Es erscheint heute noch unerreichbar, die Geburt eines Hurrikans zu verhüten, zumal die Ursachen seiner Entstehung noch umstritten sind. Sollte es aber nicht möglich sein, einen entwickelten Hurrikan zu zähmen oder zu stoppen, bevor er Schaden anrichtet? In der Tat laufen praktische Versuche zu diesem Zweck schon seit 1960 unter dem Kennwort Project Stormfury ("Unternehmen Sturmwut") als Gemeinschaftsaufgabe des US-Handelsministeriums, dem der Wetterdienst untersteht, und der amerikanischen Marine.

Ein empfindliches Räderwerk wird gestört, wenn man Sand ins Getriebe wirft. Wie aber läßt sich die Windmaschinerie eines Hurrikans drosseln? Das Team um Dr. Robert Simpson, den Chef des Unternehmens, versucht es mit Kristallen einer Silber-Jod-Lösung, dem Silberjodid. Es geht darum, die Sturmenergie, die zum größten Teil auf den Kern des Sturmkreisels konzentriert ist, auf einen weiten Bereich zu verteilen. Theoretisch sieht die Lösung des Problems einfach aus: Nicht aller Wasserdampf, der aus dem Meer aufsteigt, kondensiert in kalten Höhenschichten und kehrt als Regen zurück. Ein Teil bleibt als unterkühlte Tröpfchen, deren Temperatur unter dem Gefrierpunkt liegt, schweben. Erst wenn sie auf Staubteilchen oder eben auf Silberjodidpartikel treffen, verwandeln sie sich augenblicklich in Eiskörner, die in wärmere Schichten fallen und zu Regentropfen werden. Seit langem bemühen sich "Regenmacher" mit mehr oder weniger Erfolg, nach diesem Konzept unterkühlte Wolkenfelder zu melken, wenn sie über ausgedörrten Gebieten erscheinen.

Auch die Sturmbändiger in Miami wollen schwere Regenfälle künstlich hervorzaubern und einen zweiten Ringwall aus aufsteigender Luft und Wasserdampf aufbauen, so weit wie möglich von dem entfernt, der das Auge des Hurrikans umschließt. Bei der Umwandlung von unterkühlten Wassertröpfchen zu Eis wird Wärme frei. Sie beschleunigt den Auftrieb der bestreuten Wolkenfelder, folglich steigen sie schnell höher, dehnen sich dabei aus, kühlen sich ab und kondensieren zu gewaltigen Wolkenformationen, wobei wiederum Wärmeenergie frei wird, die den Luftstrom in die Höhe verstärkt. Hier entsteht also eine Konkurrenz für den ursprünglichen "Hurrikanschornstein".

Der neue Ringwall hält die von allen Seiten spiralig einfließende Luft auf und zwingt sie, mit verminderter Geschwindigkeit um das neue größere Zentrum zu wirbeln. Damit ist das Ziel erreicht: Die Antriebsenergie, die zuvor den Wind mit maximaler Stärke um das stille Auge jagte, verteilt sich nun auf einen weiteren Umkreis, und der Sturmkreisel wird nach demselben Gesetz gebremst, das sich eine Eiskunstläuferin zunutze macht, wenn sie aus einer rasend schnell gedrehten Pirouette wieder zur Ruhe kommen will: Sie braucht dazu nur die eng angelegten Arme seitwärts auszustrecken und somit ihr Drehmoment zu vergrößern.

Auf Grund solcher Überlegungen wurde im Sommer 1960 das erste Experiment ausgeführt mit dem Hurrikan "Esther" als Versuchsobjekt. Die stürmische Dame ließ sich durch die Operation nicht im geringsten stören. In der folgenden Saison mußte "Beulah" herhalten. Zunächst schien sie wie gewünscht zu reagieren: Bald nach der Aussaat von Silberjodid stieg der Luftdruck im Zentrum an, und die Windgeschwindigkeit ließ merklich nach, wenn auch nur für kurze Zeit. Die Hurrikanforscher durften sich, auf höheren Befehl, nur an Wirbelstürme wagen, die sich weit draußen im Atlantik tummelten und deren Bahn mit größter Wahrscheinlichkeit nicht auf den amerikanischen Kontinent oder die Antillen gerichtet war. Denn wer konnte garantieren, daß ein normaler Hurrikan nach der Impfung nicht zu einem Superkiller wurde? Erst "Debbie" bot sich 1969 zu einem neuen Versuch an.