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Von dem Kuchen, der wochenlang auf der Anrichte des Festivals stand, haben die Deutschen das größte Stück genommen. Möge es der Elf und den Millionen ihrer Bewunderer gut bekommen! Übermut, dieses süße Gift, könnte schlimme Folgen haben ... Die 25 Tage der Superlative sind vorbei. Nun essen wir wieder Schwarzbrot.

Das "Hamburger Abendblatt" in einer Nachbetrachtung zum Endspiel der Fußball-Weltmeisterschaft

Märkte und Eitelkeiten

Nach dem einigermaßen deplorablen Ausgang der rheinischen Kunstmessen im vergangenen Herbst ("Kölner Kunst Markt" und "Internationale Kunstmesse Düsseldorf" hatten, zur selben Zeit veranstaltet, die Besucher überfordert und die Händler auf allzuviel Kunst sitzen bleiben lassen) und dem positiven Ausgang der diesjährigen Basler Frühjahrsmesse hat man am Nieder-Rhein ein wenig das Zittern bekommen – mit dem Ergebnis, sich jetzt zu vollem Klotzen entschlossen zu haben. Dem Kölner "Verein Progressiver Kunsthändler", Erfinder des Kölner Kunstmarkts, war das elitär progressive Vereinsemblem schon länger etwas unheimlich geworden. Man hat sich daher aufgelöst und in einen neuen Verein einsortiert, die "Europäische Kunsthändler Vereinigung", die jetzt auch den neu betitelten "Internationalen Kölner Kunstmarkt" (vom 19. bis 24. Oktober) ausrichtet. Aus den Räumen des Kölner Kunstvereins zieht man in die Messe hallen um ("10 000 qm brutto", wird stolz gemeldet, die Zulassungskriterien bleiben dafür unerwähnt), 74 Galeristen haben sich bisher angemeldet. Um sich dennoch von dem Düsseldorfer Niveau der total offenen Tür zu unterscheiden, hat man sich, wie im vorigen Jahr schon, eine Schutzheiligenfigur verordnet und den mit 10 000 Mark dotierten "Preis der europäischen Kunsthändlervereinigung" an Alfred Barr, den retirierten Direktor des New Yorker "Museum of Modern Art", vergeben. Die Düsseldorfer lassen sich durch das Kölner Taktieren zwischen Kunst und Kommerz nicht beirren und ziehen wieder ihren Super-Rummel ab (vom 12. bis 17. November).

Junge Mütter

Dreiviertel aller amerikanischen Mädchen, die im Alter von 15 bis 19 Jahren schwanger werden, sind zum Zeitpunkt der Empfängnis unverheiratet. 30 Prozent aller Mädchen dieser Altersstufe unterhalten sexuelle Beziehungen; gut ein Zehntel wird schwanger, und von diesen schwangeren Mädchen hat weniger als die Hälfte Aussicht, noch vor Geburt des Kindes geheiratet zu werden. Diese Zahlen haben zwei Professoren aus Baltimore veröffentlicht – verbunden mit dem warnenden Hinweis, daß gut zwei Drittel aller Mädchen in den Vereinigten Staaten keinerlei Zugang zu Verhütungsmitteln hat.

England komplett

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Mit den die Reihe "The Buildings of England" abschließenden Bänden über "Oxfordshire" und "Staffordshire", vor einigen Tagen der Presse vorgestellt, hat Sir Nikolaus Pevsner den Engländern England nun komplett aufs Bücherbord gestellt. Pevsner, 1902 in Leipzig geboren, hatte sich bereits während seiner Dozententätigkeit in Göttingen, 1929 bis 1933, auf die englische Kunst spezialisiert, und so schrieb auch er, als Emigrant dann, abgesehen von der nach Counties sortierten sechsundvierzigbändigen Architekturgeschichte des Landes, das Buch, das ein Engländer vielleicht nicht hätte schreiben können: "The Englishness of English Art" (1956). Von Pevsner, dem vielleicht fruchtbarsten Kunst- und Architektur-Historiker und Kritiker unserer Tage, kann man, von den großen Arbeiten, bisher nur die "Europäische Architektur" und "Architektur und Design" auf deutsch lesen. Um so angenehmer die Nachricht, daß der Prestel-Verlag im Herbst "The Englishness of English Art" in einer Übersetzung herausbringt.

Intendanten-Börse

Ivan Nagel, von der Deutschen Oper Berlin umworben, will nun doch nicht Opernintendant werden; er bleibt, voraussichtlich bis zum Beginn der 80er Jahre, in Hamburg, Münchens Staatsoper sucht nach der Absage von Grischa Barfuss weiter verzweifelt nach einem Nachfolger für Günther Rennert – gilt es doch, "einen der bedeutendsten Intendantenposten der Welt zu bekleiden" (Münchens Musikkritiker Joachim Kaiser). Walther Schmieding will nun doch nicht ans Bochumer Schauspielhaus. Arno Wüstenhofer, Intendant in Wuppertal, rüstet sich für Basel. Benno Besson wurde Intendant der Ostberliner Volksbühne. Weiterhin offen: die Fälle Gobert, Brecht, Zadek. Fortsetzung folgt.

Spende von Moore

Über zweihundert Arbeiten im Wert von etwa fünfzehn Millionen Dollar hat der englische Bildhauer Henry Moore der neuen Kunsthalle in Toronto, Kanada, geschenkt. Die Kunsthalle, die am 26. Oktober eröffnet wird, profotiert damit von der Raum-Misere der Londoner Tate Gallery, die das Riesenangebot von Moore mangelnden Platzes wegen nicht annehmen konnte (die Tate zu bestehen und zu sammeln). In Toronto können Moores Werke (darunter 18 Bronzen, 41 Gußformen und rund zweihundert Litographien und Radierungen) 10 000 Quadratmeter Platz haben.