Noch im Mai prophezeite der Wissenschaftsrat, daß in vier Jahren etwa 50 000 Studierwillige keinen Studienplaltz erhalten werden. Heute darf diese Zahl bereits als Makulatur gelten.

Aus dem gerade veröffentlichten, von Bund und Ländern gemeinsam erarbeiteten 4. Rahmenplan für den Hochschulausbau geht hervor: Bis 1978 werden rund 130 000 junge Menschen, die studieren möchten, nicht studieren können, weil keine Hochschule sie aufnehmen kann. Ein ganzer Abiturjahrgang steht also in den nächsten Jahren vor geschlossenen Universitäten.

Schlimmer noch: auch diese Voraussage gilt nur unter der Voraussetzung, daß es gelingt, die Hochschulen in den nächsten Jahren für insgesamt 12,6 Milliarden Mark auszubauen und die Kapazitäten von derzeit rund 600 000 Studienplätzen auf 800 000 zu erweitern. Ob diese gewaltige Aufgabe, in nur vier Jahren zehn neue Hochschulen etwa von der Größe der Universität Bonn zu errichten, überhaupt verwirklicht werden kann, ist ungewiß. Und das bedeutet: durch jeden Studienplatz, der nicht neu geschaffen wird, vermehrt sich das Heer derjenigen, die mit dem Abiturzeugnis in der Hand vor den Hochschulen warten müssen.

Alternativen gibt es für sie praktisch nicht. Denn obwohl die Gefahr des totalen Numerus clausus seit Jahren die Universitäten bedroht, ist versäumt worden, adäquate Ausbildungsgänge für Abiturienten zu schaffen. In der Industrie und im Handel, bei Banken und im öffentlichen Dienst haben Oberschüler mit ihrem Reifezeugnis kaum nennenswerte Vorteile gegenüber Realschulabgängern. Die zur Verfügung stehenden Stellen sind zudem so begrenzt, daß im letzten Jahr kaum mehr als 8000 Abiturienten von der Schulbank direkt in einen Beruf gegangen sein dürften.

Erst in zwei Ländern, in Baden-Württemberg und in Schleswig-Holstein beginnen die verantwortlichen Politiker damit, spezielle Berufswege für Abiturienten zu schaffen. Sie koppeln eine praktische Ausbildung mit einem Studium an einer Berufsakademie, so daß Oberschüler sich etwa zum Wirtschaftsassistenten oder zum Betriebswirt ausbilden können. Wie gering diese Möglichkeiten jedoch noch sind, zeigt das schleswigholsteinische Beispiel: Dort gibt es in diesem Herbst gerade 24 Plätze.

Der unausweichliche totale Numerus clausus und Tausende von Abiturienten, die nicht studieren können und auch keine angemessene Berufschance haben, sollten jedem deutlich machen, wie kläglich hierzulande in den letzten Jahren Bildungspolitik geplant worden ist. Da Politiker wie der Bonner Bildungsminister Helmut Rohde und der rheinland-pfälzische Kultusminister Bernhard Vogel angesichts dieser neuerlichen und nicht vorausgesehenen Katastrophe mit alten Hüten hausieren gehen – Studienzeiten seien zu verkürzen, die Studienreform sei endlich zu beginnen, Studienfachwechsel und Zweitstudium seien einzuschränken – spricht alles dafür, daß statt effektiver Maßnahmen auch in diesem Fall wieder einmal Gesundbeterei zur Parole des Tages wird. Wirkliche Hilfe haben die 130 000 in den nächsten Jahren kaum zu erwarten; besser wird es an den Hochschulen wahrscheinlich erst in den achtziger Jahren, wenn geringere Geburtsjahrgänge mehr Platz in Hörsälen und Instituten schaffen. Hayo Matthiesen