Der deutsche Widerstand mahnt auch heute noch zur Wachheit des Gewissens

Von Bodo Scheurig

Dreißig Jahre – Zeitraum einer Generation – sind seit dem Attentat Staufenbergs auf Hitler vergangen, Jahre, in denen sich jeweils wenige zusammenfanden, um der Opfer des 20. Juli still zu gedenken. Auch an größeren Kundgebungen fehlte es nicht. Oft wurden gar Fahnen aufgezogen, um an den Tag des Widerstandes zu erinnern, und Zeitungen waren bemüht, wohlmeinende Gedenkartikel zu publizieren.

Doch täuschen wir uns nicht: in den Herzen unseres Volkes findet all das kaum ein Echo. Selbst Tagesbefehle an die Bundeswehr, die dazu auffordern, sich zu den Männern des 20. Juli zu bekennen, bleiben ohne Widerhall. Der Tag trennt und entzweit. Die meisten vermag er weder anzurühren noch zu überzeugen. Viele wissen nicht einmal mehr, was am 20. Juli geschah und was dieser Tag bedeutet. Wer war Beck, wer Stauffenberg?

Solch eine Bilanz bedrückt, aber kann sie verwundern? Deutschland ist an sich selbst irre geworden. Der Zusammenbruch ging über seine Kraft; die Lehren des Zweiten Weltkrieges weigerte es sich zu bedenken. Die Erschütterungen des Krieges blieben geistig ohne Ertrag. Was an Großem ersonnen und geplant war, was aus zureichender Erkenntnis und angenommenem Leiden in neue Richtungen drängte, ist weitgehend verlorengegangen.

Die Teilung unseres Landes und dessen Überfremdung aber haben uns vollends beklommen gemacht. Wir wollen keine Geschichte mehr. Wir spotten jeder Tradition und leben ein Leben, von dem wir zu glauben scheinen, daß es keine großen Impulse mehr verlangt. Wie jede Vergangenheit, so haben wir auch die Kräfte entmachtet, die uns heute zu helfen vermöchten. Hier bildet der 20. Juli 1944 keine Ausnahme. Obgleich dieser Tag beste Tradition wäre, haben wir selbst ihn weitgehend abgetan.

Dennoch, so wenig uns der 20. Juli bedeutet: West und Ost scheinen nicht erst heute in Wetteifer um ihn entbrannt. In der Bundesrepublik Deutschland soll gelten: wir stehen zu Stauffenberg. Dies die Worte Heusingers, die bereits vor Jahren nicht allein die Bundeswehr verpflichten wollten. Doch zugleich beharrt die Deutsche Demokratische Republik darauf, daß derselbe Stauffenberg ihr gehöre. Das ist paradox. Uns scheint kaum zweifelhaft, wer hier zu Unrecht den Widerstand beschwört.