Obwohl sich in den Kühlhäusern der EG die Rindfleischberge türmen, steigen die Verbraucherpreise

Während Frankreichs StaatspräsidentGiscard d’Estaing und Bundeskanzler Helmut Schmidt gemeinsam die Europäische Gemeinschaft (EG) zu sparsamerer Haushaltsführung ermahnten, wird in Brüssel schon über einen Nachtragshaushalt zur Finanzierung von Fehlleistungen der EG-Agrarpolitik geredet. Statt der geplanten 140 Millionen Mark, die für 1974 im EG-Haushalt zur Stützung des Rindfleischmarktes vorgesehen waren, rechnet die EG-Kommission jetzt mit dem zehnfachen Betrag – genau 1,46 Milliarden Mark.

Diese Mehrausgaben sind notwendig geworden, um die Einlagerung von überschüssigem Rindfleisch und die Subventionen zum Verkauf der Lagerbestände zu finanzieren. Der Rindfleischberg der EG hat sich inzwischen zur stattlichen Höhe von 130 000 Tonnen aufgetürmt. Die Lagerkosten betragen pro Tag fast eine Million Mark. Die Lagerkapazitäten sind nahezu erschöpft. Eine Reihe von Sondermaßnahmen wie die Entbeinung der eingelagerten Rinderhälften auf Kosten des EG-Agrarfonds haben die vollgestopften Kühlhäuser nur vorübergehend entlastet.

Nun soll die "Aktion Sozialrind" mit der um 50 Prozent verbilligten Abgabe von Rindfleisch aus EG-Beständen an sozial bedürftige Einrichtingen und Gruppen zur Überwindung des Fleischüberschusses beitragen. Dem die Kühlhäuser müssen leer sein, falls es – wie die EG-Kommission befürchtet – nach dem Weideabtrieb im Herbst zu massenweisen Abschlachtungen von insgesamt 400 000 Rindern kommt. Mit einer Prämie von 366 Mark pro Rind sollen die Züchter belohnt werden, die die Schlachtung um vier bis sechs Monate zurückstellen.

Der Rindfleischüberschuß in der EG hat zu stark sinkender Erzeugerpreisen geführt, dagegen sind die Verbraucherpreise unverändert hoch. Schweinefleisch wird auf der Erzeugerstufe zu einem Preis abgegeben, der niedriger ist als 1950, der Ladenpreis beträgt hingegen ein Vielfaches des Preises von 1950.

Nach Berechnungen des Bundeslandwirtschaftsministeriums haben die Verbraucher trotz geringem Nachfrage in den ersten sechs Monaten dieses Jahres 1,6 Milliarden Mark mehr für Fleisch ausgegeben als in der gleichen Zeit des Vorjahres. In derselben Periode erzielten die Viehhändler eine Million Mark mehr, während die Erzeuger elf Millionen Mark weniger einnahmen. So blieb ein beträchtlicher Teil des Mehrerlöses offenbar in den Kassen des Handels. Staatssekretär Hans-Jürgen Rohr vom Land Wirtschaftsministerium dazu: "Der Fleischmarkt ist kaputt." hhb