Von Marietta niederer

Was ist so populär wie Loden? Leder! Jede und jeder in Leder. Leder, das ist eine Wonne-Welle für alle, besonders in sparsamen Zeiten. Warum? Es ist wertbeständig, strapazierfähig, deftig wie Bluejeans und dabei nicht nur Besitz der jungen Generation. Leder ist da für alle Generationen. Es ist die "zweite Haut" mit der magnetischen Ausstrahlung animalischer Kraft – die unternehmend macht.

Leder ist für Radfahrer, für "Easy Riders" und ihre Jeansbräute, für Großwildjäger, Wanderer, Autofahrer, für Fußballfans auf Tribünen und Fernseher auf lederbezogenen TV-Sesseln. Leder gehört zur Freizeitbekleidung von Bundeskanzlern wie von strebsamen jungen Beamten. Es ist die Kluft freischaffender Einzelgänger und Individualisten, von Goldjungen und Edelgammlern. Leder gefällt Frauen, betört schöne Mädchen ... und Großvater im Leder-Lumber ist "eins rauf" bei den Enkelkindern.

Erst in unserem Jahrhundert wurde Leder als Bekleidung, vor allem für Frauen, modern. Im Mittelalter gehörte es zur Tracht von Landsknechten und Söldnern. So waren ihre "Ledersen" eine praktische Stiefel-Hosen-Kombinätion, die mit Laschen am Leibgurt befestigt wurde. Lederhosen gehörten schon immer zu bäuerlichen Trachten, wobei die Bundhosen aus Hirsch- und Gamsleder heute der kurzen "Krachledernen" den Rang abgelaufen haben. Eine Verfeinerung der Lederhosen für Herren waren elegante naturfarbene Hosen aus Sämischleder, die Ende des 18. Jahrhunderts zum Frack kombiniert wurden. Zu verschiedenen Berufen gehört der Lederschurz. Er wird nach wie vor von Kellermeistern getragen.

Mit der Motorisierung kamen Anfang unseres Jahrhunderts die ersten Autokappen, Mäntel und Joppen aus Leder für Automobilisten in Mode. Damenledermäntel, noch mit Snob-Appeal, tauchten um 1930 auf. Sie waren der Folklore entnommen und glichen ungarischen Hirtenmänteln, die sich bis heute als Klassiker verkaufen lassen. In den fünfziger Jahren gab es die erste große Lederwelle in allen naturbraunen Tönen. große berjacks aus Veloursleder mit Reißverschluß und Strickbündchen wurden – weil neuer und moderner als korrekte Lederjacken und gerade geschnittene Kurzmantel – zu Rennern für Damen und Herren. Sie alle wurden qualitätsbewußt getragen, man hatte eben "etwas Besseres" und dabei Strapazierfähiges.

Erst Anfang der sechziger Jahre, als Gerbereien und Färbereien eine bis dahin unerreichte Bearbeitung von Fell und Haut entwickelt hatten, holten sich die Haute-Couturiers Lederfachleute in ihre Ateliers, die sich plötzlich mit hochmodischen Schnitten auseinanderzusetzen hatten. Was früher nur "ledern" war, wurde schlagartig supermodisch. Schmiegsam gegerbt, wie weiche Stoffe, und in allen Schockfarben der damaligen Mode, ließ sich Leder in Falten legen, glockig verarbeiten, für den Westem-Look in Fransen schneiden und mit Nieten beschlagen.

Mehr oder weniger schöne Lederkostüme und Minikleider in Bonbonfarben erschienen ganz und gar bürgerlich neben "Rocker-Moden" aus schwarzem Glanzleder oder mattglänzendem Nappa. Schon folgte der "Leder-Flicken-Gag" aus England im Patchwork-Look, farbig und lustig, sündteures Flickwerk für Jetsetter. Das war 1968 und zugleich der Höhepunkt der Experimentierzeit für Leder aller Art.