Wie der Notenbankchef seinem Land eine Roßkur aufnötigte

Was die sozialistischen Koalitionspartner von der römischen Regierung forderten und die Unternehmer ersehnten, setzten Schatzminister Emilio Colombo und Notenbankpräsident Guido Carli Ende vergangener Woche ins Werk: Sie lockerten die Kreditbremse. Allerdings fließt zunächst nur sehr wenig Liquidität. Denn die gestrengen Währungshüter verpflichteten Italiens Banken zugleich, für umgerechnet zwei Milliarden Mark neue Obligationen ins Postfach zu nehmen.

Vom Gegenwert ist eine Milliarde Mark für Süditalien bestimmt. Grund: Neu erbaute Betriebe konnten im Mezzogiorno häufig nicht eröffnet werden, weil den Unternehmern das Geld zur Streckung des Zwangsdepots für den Import wichtiger Maschinen fehlte. Die jungen Unternehmen in Süditalien haben die geringsten finanziellen Polster. Deshalb soll ihnen zuerst geholfen werden. Was übrig bleibt, erhält die Mittel- und Kleinindustrie des ganzen Landes.

Viele taten das, was Italiens Notenbankpräsident mit seiner radikalen Kreditrestriktion seit Monaten erwartete: Sie lösten ihre spekulativen Lager auf und schafften Geld aus dem Ausland heim. Darüber hinaus übernahmen ausländische Exporteure für ein paar hundert Milliarden Lire die Stellung von Zwangsdepots für ihre weniger liquiden italienischen Abnehmer.

Notenbankpräsident Carli registriert unterdes zufrieden, wie die fast völlig dahinschmelzenden Devisenreserven wieder etwas aufgefüllt werden. In den letzten drei Wochen, so verlautbarte er mit beabsichtigter Indiskretion aus Rom, habe die Zentralbank nicht nur keine Devisen abgeben müssen. Sie habe im Gegenteil Lire verkauft, damit der Kurs der italienischen Währung nicht allzu schnell steige. Und obgleich die Touristen aus dem Ausland bisher weniger dicht an Italiens Stränden lagern als in früheren Jahren, tragen sie doch seit Beginn der Saison harte Devisen ins Land – eine zusätzliche Stütze für den Lirakurs.

Daß weniger flüssige Mittel ins Ausland strömten und damit weniger Inlandsliquidität vernichtet wurden, merkten Anfang vergangener Woche auch die Banken. Mit 19,5 Prozent erreichte der Zins für Tagesgeld die Wendemarke. Am Wochenende brauchten die Banken nur noch 17,5 Prozent zu zahlen.

Je mehr Exporteure darauf verzichten müssen, den Gegenwert für ihre Waren im Ausland anzulegen und je mehr Importeure aus Mangel an flüssigen Mitteln den Trick nicht mehr wagen, ihren Banken überhöhte Einfuhrrechnungen zum Kassieren höherer Devisenbeträge zu präsentieren, umso mehr kann der Notenbankpräsident aufatmen. Schon für Juni wird das Defizit der Handelsbilanz keinesfalls mehr so hoch ausfallen wie für Mai, der mit 900 Milliarden Lire (3,6 Milliarden Mark) Fehlbetrag kein Wonnemonat für Italiens Währung war.