Von Wolfgang Boller

Der Blitzer wurde verprügelt – jedoch nicht von einer aufgebrachten Menge auf offener Straße, sondern vom diensthabenden Vollzugsbeamten im Polizeigefängnis. Der Delinquent büßte seinen Ulk mit sechs richterlich angeordneten Stockschlägen. Sie wurden ihm, ohne die geringste Gemütsbewegung, auf das entblößte Hinterteil gezählt.

Schauplatz der Handlung war nicht das Uganda des Generals Amin, sondern das weiße, zivilisierte Durban, eine Stadt, die, von britischer Mentalität geprägt, als liberalste Südafrikas gilt.

Immer wieder entsetzt oder erheitert Südafrika die westliche Welt, der es sich zugehörig fühlt, mit neuen Nachrichten über die Usancen seiner Rechtspflege. Allerdings ist die Prügelstrafe als Relikt eines unverständlichen mittelalterlichen Strafvollzugs auch im Lande selbst maßvoller Kritik ausgesetzt.

Die Härte südafrikanischer Gesetze erklärt sich durch das Sittenmandat der Kirchen, das Mißtrauen gegen Experimente sowie die zuverlässige Erfahrung im Umgang mit der Gewalt. Auch das Recht trägt Züge exemplarischer Gewalt. Ruhe und Ordnung erscheinen als Lohn der Angst. Das Gesetz richtet sich vor allem gegen Insurgenten, Agitatoren und gegen passive Widerstandskämpfer. Strafmaß und Strafvollzug unterliegen nicht unbedingt dem Prinzip der Verhältnismäßigkeit und haben offensichtlich erzieherische Funktion.

Der bloße Verdacht auf antisüdafrikanische Umtriebe kann ohne Gerichtsurteil Sicherheitsverwahrung bis zu einem halben Jahr nach sich ziehen. Aufmüpfige Intellektuelle duckt der Staat mit Hausarrest (zwölf oder 24 Stunden), Ächtung, Ausweisung (mit Visum ohne Einreisevermerk) und Verbannung etwa auf die berüchtigte Insel Robben Island an der Kapküste. Wer der Achtung anheimfällt, hat das Recht verwirkt, an Versammlungen von mehr als drei Personen teilzunehmen und seine Argumente, einschließlich seiner gerichtlichen Verteidigung, zu veröffentlichen.

Bewaffneter Aufstand, Terroranschläge und Bombenattentate, auch Flugzeugentführungen, Kindesraub und Vergewaltigung, sind mit Todesstrafe bedroht. Unterschiedliche Aburteilung weißer und schwarzer Straftäter bei gleichen Vergehen stützt sich häufig auf die rechte Würdigung der Begleitumstände. Südafrika ist der einzige Staat der Welt, der Rassenkriterien durch die Jurisprudenz legitimiert.