Von Wilfried Kratz

Noch ist kein einziger Tropfen gefördert worden. Doch fünf Jahre nach dem ersten Ölfund in der Nordsee, lösen jetzt optimistische Sondermeldungen aus den Hauptquartieren der Ölkonzerne einen Ölrausch sondergleichen aus. Die Regierung in London, seit Jahren mit katastrophalen wirtschaftlichen und politischen Problemen konfrontiert, schmückt sich bereits mit den Insignien einer neuen Ölmacht.

In einem Weißbuch, das in diesen Tagen veröffentlicht wird, kündigt sie eine neue Ära im britischen Ölgeschäft an. Das Bewußtsein, schon bald zu den "ölgewaltigen" der Welt zu zählen, äußert sich aber nicht nur in Euphorie, sondern auch in Angst. Einige Engländer befürchten, daß die internationalen, vor allem die amerikanischen Konzerne mit dem Öl nach Belieben verfahren könnten, ohne Rücksicht auf die nationalen britischen Interessen. Daneben schreckt aber auch die Vorstellung, daß Brüssel, geführt von den Ölhabenichtsen der Europäischen Gemeinschaft, über Schottlands Öl mitbestimmen will.

Deshalb lautet die Devise populärer Politiker: Verteidigt den nationalen Rohstoff mit Klauen und Zähnen und schröpft die Ölkonzerne kräftig. Genau das kündigt die Regierung jetzt in ihrem Weißbuch an. Sie will das Ölgeschäft unter eigene Kontrolle bringen. Zu diesem Zweck soll eine nationale Ölgesellschaft (British National Oil Company) gegründet werden. Sie soll Mehrheitsbeteiligungen an allen Öl- und Erdgasunternehmungen in den britischen Hoheitsgewässern übernehmen: Neben dieser "Teilenteignung" der Ölgesellschaften will das Finanzministerium 75 bis 80 Prozent der Gewinne abschröpfen, wenn das "flüssige Gold" zu fließen beginnt.

Das erste Öl wird Ende dieses Jahres aus dem Argyll-Vorkommen erwartet. Im nächsten Jahr soll die Förderung auf dem Forties-Feld beginnen. Die erste Produktionsinsel, ein gigantischer Stahlkoloß, fast so hoch wie der Eiffelturm, wurde in den vergangenen Wochen an seinem künftigen Standort verankert.

Phantastische Investitionssummen sind erforderlich, um das Öl aus dem Nordseeboden zu pumpen. Eine Förderinsel kostet fast eine viertel Milliarde Mark. Vier davon werden gebraucht, damit die flüssige Energie Ende der siebziger Jahre erstmals durch eine Unterseepipeline ans schottische Festland befördert werden kann.

Als Großbritannien vor zehn Jahren die ersten Lizenzen für die Suche und Ausbeutung von Gas und Öl im Festlandsockel vergab, ahnte niemand, welchen Reichtum der Meeresgrund birgt. Heute liefert die Nordsee rund 85 Millionen Kubikmeter Erdgas pro Tag, genug, um die gesamte Insel damit zu versorgen.