Konstanz

Deutschlands bedeutendes Erholungsgebiet im Süden Baden-Württembergs, der Bodensee, ist zu einem Tummelplatz der Landespolitik geworden. Alle möchten dem "Schwäbischen Meer" etwas Gutes tun: die Umweltschützer, die Landesplaner in der fernen Landeshauptstadt Stuttgart und clevere Geschäftemacher, die weite Uferpartien mit Appartements und Fabriken überbaut haben. Mit ihrer Kritik an den Zielkonflikten der Landesplanung, die einen Allzwecksee mit Funktionen als Trinkwasserbecken, Erholungsgebiet, Endstation eines Massenzuzugs, Träger der künftigen Großschifffahrt durch den Hochrhein und Standort neuer Industriereviere propagiert, erreichten die Ökologen eigentlich nur, daß sich die Politiker in Schlagworte flüchteten. Man könne nicht eine Käseglocke über den See stülpen, lautete eine bereits unter dem Kabinett Kiesinger gängige Ausflucht.

In dieser Situation reifte die Autobahnplanung. Der Hauptstrang von Stuttgart an den westlichen Bodensee ist im Bau. Er hat zwei Aufgaben: Einmal ist er ein Teil einer Europastraße, die über Stuttgart nach Zürich und weiter in den Süden führt. Zum andern wurde diese Autobahn als bequemer Anfahrweg für die Bewohner des Ballungsgebiets in der Landesmitte verkauft. Bis zu. 50 000 Autos würden, an schönen Wochenenden an den Bodensee bewegt, errechneten Verkehrsexperten.

Ihnen war bald klar geworden, daß es bei dem Autobahnendpunkt vor Singen nicht bleiben konnte: Der Verkehr würde die bestehenden Straßen, Städte und Dörfer verstopfen, und weil die Schweiz aus ähnlichen Gründen Widerstand gegen die Abnahme der Autobahn bei Schaffhausen leistet, suchten die Planer schleunigst Ausweichlösungen. Da bot sich die geplante Autobahn von Basel nach München an, die am nördlichen Bodenseeufer verläuft und den Ausflugverkehr verteilen soll, während man als Übergang in die Schweiz rasch einen Strang nach Konstanz konzipierte.

Der Bodensee wird im Westen durch die wenige Kilometer breite Landzunge "Bodanrück" in den "Ober-" und "Untersee" geteilt. Beide Gewässer sind durch den "Seerhein" in Konstanz verbunden. Der neuralgische Punkt des ganzen Verkehrskonzepts ist die "Bodanrück-Schnellstraße", eine Autobahn, die überdurchschnittlich viele Auffahrten erhält; denn sie soll obendrein den Regionalverkehr aufnehmen. Der fingerartige Bodanrück, an dessen Kuppe die Stadt Konstanz sitzt, ist eine Erholungslandschaft par excellence. Das hügelige Zentrum und das Nordufer sind mit weiten Wäldern überzogen, die zumeist unter Natur- und Landschaftsschutz stehen. Das Südufer zur Insel Reichenau hin ist offen und weitgehend besiedelt. Dort sind die wichtigen Verkehrsadern: die Eisenbahn und die modern ausgebaute Bundesstraße 33.

Vor zehn Jahren sprach kein Mensch von einer Autobahn. Diese Bundesstraße war im Gegenteil so angelegt, daß man sie ohne große Mühe zu einer vierspurigen Schnellstraße ausbauen kann. Dieser Weg wäre nicht nur billiger als eine getrennte Autobahn, sondern auch die einzige Möglichkeit, die teilweise schon zersiedelte Landschaft über eine längere Zeit zu erhalten. Statt dessen legte die Straßenbaubehörde, durch mancherlei Rücksichtnahmen zu Kurven und Schleifen gezwungen, die neue Autobahntrasse nördlich in den Waldgürtel.

Der Widerstand ließ nicht auf sich warten. Es war klar, daß die Autobahn einen erheblichen Teil des Bodanrücks als Erholungsgebiet entwerten würde. Noch stärker formierte sich der Widerstand in der Stadt Konstanz. Dort soll die Autobahn erst mitten durch ein Naherholungsgebiet, dann dicht an Schulen, einer Klinik vorbei durch alte Wohnquartiere geführt werden. Man schätzt, daß durch diese Trasse, die zum Teil bis zu zehn aufgeständerte Spuren umfaßt, etwa 20 000 Menschen belästigt werden. Eine Bürgerinitiative bildete sich und zog vor das Verwaltungsgericht, so daß diese Pläne bis heute nicht verwirklicht werden konnten.