Ludek Pachman durfte nicht mitspielen. Ehe am Montag voriger Woche das internationale Großmeister-Schachturnier in Solingen begann, "bat" die Turnierleitung den vor zwei Jahren nach Solingen emigrierten Dubcek-Anhänger Pachman, auf die Teilnahme zu verzichten. Der Grund: Zu dem Turnier waren auch der sowjetische Exweltmeister Spasski und DDR-Großmeister Uhlmann angereist, beide mit der Weisung ihrer Verbände, sofort die Heimreise anzutreten, falls auch Pachman dabei sei. Der Solinger Veranstalter beugte sich der Erpressung und teilte Pachman seinen Ausschluß mit: "mit dem Ausdruck des Bedauerns".

Diese Höflichkeitsformel, mit der man dem nicht zum erstenmal Ausgestoßenen scheinbar Respekt zollte, um ihn dann achselzuckend fallenzulassen, diese demütige Phrase verrät über den demokratischen Umgang mit Außenseitern mehr als der floskelhafte Charakter der Wendung ahnen läßt. Wir bedauern zutiefst, Sie ausschließen zu müssen, aber... Aber was? Aber die Welt ist halt so, leider. Das Demokratische an diesem Bedauern, das sich den bestehenden Machtverhältnissen, den Tatsachen unterwirft und das gegen sie aufbegehrende Subjekt an sie verrät, das Demokratische an diesem Verrat ist, daß der Verräter sich mit seinem Opfer scheinbar solidarisch erklärt, indem auch er die Macht der Tatsachen, denen er es ausliefert, ganz unleidlich findet. So fälscht der Ausdruck des Bedauerns den Ausschluß des unbotmäßigen Einzelnen aus der Welt dessen, was ist, um in einen Naturvorgang und gibt ihm so den Anschein des Rechts. Was in Solingen mit Pachman und wie es geschah, das war so wenig ein Einzelfall wie die Mentalität, dessen Opfer er wurde.

Erinnern wir uns, statt viele Beispiele aufzuzählen, nur daran, wie ein anderer Kritiker der Diktatur, Alexander Solschenizyn, unters Messer einer gewissen demokratischen Doktrin geriet, einer Doktrin, die den Glauben an Ideologien ersetzt hat durch den Glauben an die Tatsachen, an denen es nichts zu rütteln gibt, nichts zu rütteln geben soll. "Was er tut", schrieb Rudolf Augstein beim Erscheinen des "Archipel Gulag", "kann richtig sein, auch wenn wir... den Erfolg nicht vor Augen haben". Diese Frage nach dem Erfolg des einzelnen Widerstandskämpfers ist zugleich auch schon die hämische Denunziation seines Kampfes. Heimlich geht sie davon aus, daß der Widerstand des Einzelnen gegen die Macht und der Widerstand der Macht gegen den Einzelnen ein Kampf von gleich zu gleich sei. Und indem so dem Einzelnen eine Macht zugeschrieben wird, die er nicht hat, läßt sich am Ende seine Ohnmacht für Pech oder eigene Schuld ausgeben.

War Solschenizyn auf diese Weise erstmal unter die Weltverbesserer eingereiht, die zwar sehr ehrenwert, aber – im Grunde eigentlich schade – doch zu weltfremd sind, als daß man sie wirklich ernstnehmen könnte, so wurde er nun zum Trost für diesen Mangel als "großer Moralist", als "Stern erster Ordnung" aus der Realität hinauskomplimentiert, die er so sehr verkannte. Diese feierliche Aussonderung der "mutigen Individuen" ist es, die sie für jene Sonderbehandlung präpariert, die Pachman in Solingen zu spüren bekam.

Christian Schultz-Gerstein