Von Benjamin Henrichs

Kurz vor Mitternacht war man endlich beim Thema. Fernsehjournalisten und Zeitungsmenschen stritten darüber, wer die dümmeren waren: die Fußballdenker beim TV oder ihre schreibenden Kollegen von der Presse. "Mikado" hieß die Sendung, und es ging um die Berichterstattung über die (gerade Vergangenheit gewordene) Fußball-Weltmeisterschaft. Horst Vetten, ein Schreiber, eröffnete den Nahkampf: Journalismus sei ja wohl im allgemeinen ein Begabungsberuf; bei den Fußball-Kommentatoren des Fernsehens aber sei das wohl eher ein Neigungsberuf. Kurz danach wagte ein anderer Diskutant die Schmähvokabel "dusselig" – womit er die Fußball-Fachkommentare im Fernsehen meinte. Die Angegriffenen reagierten höchst unterschiedlich. Sportchef Hanns Joachim Friedrichs (ZDF) räumte dezent ein, auch er wünsche sich von seinen Mitarbeitern "gelegentlich" einen etwas behutsameren Umgang mit der deutschen Sprache. Kollege Isenbart (ARD) aber gab die Schmähung zurück: "dusselig" sei auch vieles gewesen, was er in den Tageszeitungen zum Thema Fußball gelesen habe. Wenn er nur wolle, dann könne er zitieren...

Der Gegenangriff, mit dem Isenbart seine Schützlinge in Schutz nahm, mag keine sehr originelle Art der Verteidigung gewesen sein – begreiflich, verzeihlich war er schon. Denn wochenlang hatte man den Fernsehkommentatoren auf die Finger (und in die Köpfe) gesehen; hatte mit unverhohlener Schadenfreude Werner Schneiders Sprachstolpereien und Ernst Hubertys zart parfümiertes Pathos attackiert – und war selber nie verrissen worden. Und stellte ideale Forderungen auf, die man selber niemals erfüllte.

Das "Hamburger Abendblatt" zum Beispiel konstatierte gelassen, keinem Fernsehreporter sei es gelungen, "Leidenschaft und intellektuelle Unterkühltheit zu vermischen". Was man unter Leidenschaft und Intellekt zu verstehen habe, demonstrierte das Blatt noch in der gleichen Nummer, in seinem Leitartikel. In Fußballsätzen wie diesen: "Im Parlament und in anderen Institutionen kann die gelbe oder gar die rote Karte nicht gezeigt werden. Häufiger und sichtbarer zeigen als bisher sollten jedoch alle, die Macht ausüben und Verantwortung tragen, vor allem eines, was der Sport lehrt: Toleranz."

Ich habe mich, beschwingt nach einem Stück Fußballprosa wie diesem, darangemacht, zu untersuchen, wie der deutsche Zeitungsjournalismus mit der Fußballweltmeisterschaft fertig wurde; habe die Sportseiten in acht deutschen Tageszeitungen studiert ("Bild", "Welt", "Hamburger Abendblatt", "Abendzeitung München", "Stuttgarter Zeitung", "Süddeutsche Zeitung", "Frankfurter Allgemeine Zeitung", "Frankfurter Rundschau") und mich dabei auf die Endspielberichte (und -nachberichte), also auf die Ausgaben vom 8. bis 12. Juli, konzentriert. Daraus ist ein zunächst amüsantes, bald aber nur noch strapaziöses Leseabenteuer geworden. Denn der durchschnittliche deutsche Fußball-Journalist geht mit seinem Arbeitsinstrument, der Sprache, ungefähr so differenziert um wie ein durchschnittlicher australischer Fußballspieler mit seinem Arbeitsinstrument, dem Fußball: amateurhaft. Noch trauriger: er ist ein Amateur, dem Unschuld und Naivität vergangen sind.

Der Fußball-Journalist als Reporter

Auch hier hat das Fernsehen alles verändert. Früher war der Fußballjournalist ein Privilegierter: Er erzählte von einem Spiel, das die große Mehrheit seiner Leser nicht gesehen hatte. Das gab den Berichten Dramatik und Geheimnis (Übertreibungen und Lügen ließen sich ja kaum überprüfen). Eine Fußballreportage in der Zeitung war Reisebericht, Schlachtbeschreibung, im schönsten Fall ein Stück Trivial-Mythologie. Heute ist der Fußball-Journalist ein Unterprivilegierter. Bei großen Spielen wie dem Endspiel haben sich die Verhältnisse kurios in ihr Gegenteil verkehrt: der Fußball-Journalist ist in der Regel schlechter informiert als sein Leser. Hölzenbeins Strafraumstürze, Müllers goldenes Tor: wenn er seinen Bericht durchgibt, hat der Fußballschreiber die entscheidenden Situationen nur einmal gesehen, wahrscheinlich aus großer Entfernung. Der Leser vom nächsten Morgen konnte die gleichen Situationen schon fünf- bis siebenmal betrachten, in Zeitlupe und Nahaufnahme – er weiß es besser. Vielleicht sind auch deshalb die Endspiel-Beschreibungen in den Tageszeitungen so blaß, so pauschal, so ängstlich ausgefallen ("Müller, der eine Flanke von Bonhof kurz vor der Pause über die Torlinie drückte": das stand in der "FAZ", und das ist ohne Zweifel eine höchst unzureichende, fast lieblose Beschreibung des Müllerschen Körper-Kunstwerks). Aber wenn den deutschen Fußballjournalisten das Erzählen vergangen ist, dann sicher nicht nur, weil der Leser den Wahrheitsgehalt der Erzählung heute viel besser kontrollieren kann – sondern vor allem, weil man zur Fußballsprache ein gebremstes, gebrochenes Verhältnis hat. Weil man die großen Formen (Heldenepos und Schlachtgesang) nicht mehr wagt, eine Alternative aber nicht weiß, flüchtet man in die Bravheit, in den Erlebnisaufsatz. Und in die Sprache der Buchhalter: "Das Spiel der deutschen Mannschaft geriet bereits ins Stocken, ehe es überhaupt anfangen konnte zu rollen" ("FAZ").