Der verlorene Sohn

Von Hans Krieger

Mein ehemaliges Denken erscheint mir nicht nur verstandesmäßig unrichtig und unvollkommen, sondern recht eigentlich auch moralisch minderwertig, indem es mir jetzt vorkommt wie eine große Unehrlichkeit gegen mich selber." So schrieb Carl Gustav Jung, zweiunddreißigjähriger Psychiater, Assistenzarzt am Zürcher Burghölzli, am 24. Mai 1907 an Sigmund Freud über die "Reformation die die Begegnung mit dem Werk des Begründers der Psychoanalyse für sein psychologisches Denken bedeutete. Wenige Wochen später schrieb er: "Wer Ihre Wissenschaft kennt, hat eben vom Baume des Paradieses gegessen und ist sehend geworden." Und: "Ich erfreue mich jede Woche Ihres Reichtums und lebe von den Brocken, die von des Reichen Tische fallen." Ein Vierteljahrhundert später setzte Jung, inzwischen von Freud abgefallen und Haupt einer eigenen tiefenpsychologischen Schule, sich gegen den "Irrtum" zur Wehr, er sei aus der Schule Freuds hervorgegangen, und rechnete es sich als Verdienst an, Freuds "diabolische Sexualtheorie" sogleich in ihrer Gefährlichkeit erkannt zu haben.

Um die Jahreswende 1912/13 endete die zeitweise sehr herzliche persönliche Beziehung Freuds zu dem neunzehn Jahre jüngeren Schweizer, in dem er den Fortsetzer und Vollender seines Werkes gefunden zu haben glaubte. Ein Jahr später löste Jung auch die wissenschaftliche Verbindung mit der Freudschen Psychoanalyse.

Woran zerbrach die Freundschaft der Seelenforscher? Die Korrespondenz beider Männer, die dank dem Einvernehmen ihrer Söhne jetzt vor Ablauf der von Jung gesetzten Frist veröffentlicht werden konnte, gibt darüber überraschenden Aufschluß –

Sigmund Freud/C. G. Jung: "Briefwechsel"; S. Fischer Verlag, Frankfurt, 1974; 699 S., 76,– DM.

Entrollt wird ein Seelendrama, in dessen Dynamik die theoretischen Widersprüche sowohl auslösendes Moment als auch Folge des persönlichen Konfliktes sind. Auf den patriarchalischen Machtanspruch Freuds hat Jung in seinen postum erschienenen Erinnerungen den Konflikt zurückgeführt: Freud habe väterliche Autorität beansprucht und Unterwerfung gefordert, insgeheim aber vor der Rebellion der Söhne gezittert. Der Briefwechsel enthüllt die andere Seite des Dramas. Jung agierte in der Beziehung zu seinem Lehrer einen mächtigen Vaterkomplex aus – und war sich dessen bewußt. Er verehrte Freud, erkannte ihn als den Überlegenen an, dessen Urteil er sich bereitwillig unterwarf, empfand aber, tatendurstig und von gewaltigem Ehrgeiz beseelt, dieses Verhältnis zugleich als demütigende Abhängigkeit. Dies machte ihn zunehmend überempfindlich gegen den Anspruch Freuds wie gegen Anzeichen nachlassender Wertschätzung, vor allem aber gegen die leiseste Andeutung von mangelnder Anerkennung seiner intellektuellen Eigenständigkeit.

Begonnen hatte der Briefwechsel mit einem Austausch von Publikationen. Jung erwies sich als begeisterter Anhänger der noch heftig angefeindeten Psychoanalyse und wurde durch seine Tatkraft und seine organisatorischen Talente für Freud rasch zum unentbehrlichen Mitstreiter – um so mehr, da seine Stellung als Anstaltspsychiater eine Chance zu bieten schien, eine Bresche in die Abwehrfront der Psychiatrie gegen die Psychoanalyse zu schlagen. Je persönlicher aber die Beziehung wird, desto mehr macht sich die komplexbedingte Ambivalenz in Jungs Haltung geltend.

Der verlorene Sohn

Als Freud ihm Anfang 1908 die Freundschaft anbietet, weicht Jung scheu zurück. "Das unverdiente Geschenk Ihrer Freundschaft bedeutet für mich einen gewissen Höhepunkt meines Lebens", schreibt er am 20. Februar 1908, aber er fügt sogleich die Bitte an, "mich Ihre Freundschaft nicht als die Gleichberechtigter, sondern als die von Vater und Sohn genießen zu lassen. Solche Distanz erscheint mir angemessen und natürlich."

Den psychologischen Hintergrund hat bereits ein Brief vom 28. Oktober 1907 beleuchtet, in dem sich das Bekenntnis findet: "Eigentlich – was ich Ihnen mit Widerstreben gestehen muß – bewundere ich Sie als Menschen wie als Forscher schrankenlos, beneide Sie bewußt nicht; daher also kommt der Selbsterhaltungskomplex nicht, sondern er kommt daher, daß meine Verehrung für Sie einen ’religiös’-schwärmerischen Charakter hat, der mir... wegen eines unverkennbar erotischen Untertones ekelhaft und lächerlich ist. Dieses abscheuliche Gefühl stammt daher, daß ich als Knabe einem homosexuellen Attentat eines von mir früher verehrten Menschen unterlegen bin... Ich fürchte daher Ihr Vertrauen."

Der Doppelsinn wird klar, wenn man eine andere Briefstelle hinzunimmt (8. November 1907), in der Jung seine Verehrung für Freud als Kompensation seiner "früher sehr lebhaften" Religiosität bezeichnet. Er sucht in Freud die religiös gefärbte, also unbedingte Vater-Allmacht, weicht zugleich aber vor ihr zurück aus Angst vor der eigenen Tendenz zu erotisch getönter Unterwerfung.

Anfang April 1909, nachdem er Freud in Wien besucht hat, meldet Jung dem väterlichen Freund: "Der letzte Abend bei Ihnen hat mich innerlich glücklichst befreit vom drückenden Gefühl Ihrer Vaterautorität." Ursache des Befreiungsgefühls war ein kleiner Triumph über den skeptischen Freud; ein wiederholtes Krachen im Schrank, von Jung als Spukphänomen gedeutet, schien seinen okkultistischen Neigungen recht zu geben. Daran wird deutlich: Jung brauchte Demonstrationen intellektueller Überlegenheit, um von der Vaterfigur Freud loszukommen. Diesmal noch folgte freilich, wie schon oft, dem Selbständigkeitsrausch die Unterwerfungsgeste.

Jungs Dilemma scheint dies gewesen zu sein: wollte er der Abhängigkeit von dem in Freud verkörperten Vaterbild entrinnen, so mußte er Freud als Persönlichkeit entwerten; das konnte nur geschehen, wenn er ihn auch intellektuell überwand, ihn auf theoretischem Gebiet übertrumpfte. Der theoretische Abfall von dem Lehrer war aber ohne Schuldgefühl nicht möglich, solange er ihm auch persönlich verbunden war. Dieser Knoten war nicht aufzulösen, sondern nur im günstigen Moment zu durchhauen. Langsam, aber mit eindrucksvoller Konsequenz, strebt die Entwicklung, genährt auch durch den leicht zu reizenden Argwohn Freuds, seit etwa 1910 einer destruktiven Entladung entgegen.

Im Zuge seiner mythologischen und archäologischen Studien, zu denen ihn die Phantasien einer schizophrenen Patientin angeregt haben, gelangt Jung zu einigen Umdeutungen psychoanalytischer Theoreme: Der Libidobegriff wird aufgebläht und entsexualisiert, das Inzestverbot aus der Angst erklärt, die ihm nach Freud entstammt, das Verhältnis zwischen Mythos und psychischem Konflikt umgekehrt – nicht der Mythos bildet den Konflikt ab, sondern der Konflikt aktualisiert den Mythos. Damit fühlt sich Jung stark genug, etwas forschere Töne anzuschlagen. Obwohl Freud seinen Widerspruch milde und zurückhaltend formuliert, glaubt Jung sich plötzlich in unerträglicher Weise geknebelt. Hinter maßloser Empfindlichkeit wird der Versuch erkennbar, Freud ins Unrecht zu setzen. Als dies nicht gelingt, greift Jung zu einer schärferen Waffe. Freuds freimütiges Bekenntnis, noch ein Stückchen Neurose mit sich herumzutragen, benutzt Jung zu einer brutalen Generalabrechnung. Mit verletzender Schärfe hält er Freud seine Neurose vor, und als Freud erwidert, daß jeder sich wohl besser mit der eigenen Neurose als mit der des Nächsten beschäftige, schlägt er noch massivere, noch provozierendere Töne an. Jung pocht darauf, der Gesunde zu sein, der dem wir derspenstigen Kranken zur Einsicht verhelfen muß – dem machtgierigen Neurotiker Freud, der seine Schüler in sklavischer Abhängigkeit hält, so daß keiner den Propheten einmal am Bart zu zupfen wagt, muß endlich die Wahrheit gesagt werden.

Daß er Freud damit empfindlich verletzt und eine Fortsetzung der Beziehungen unmöglich gemacht hatte, mußte Jung wissen. Am 3. Januar 1913 schlug Freud den Abbruch der privaten Beziehungen vor. Damit hatte Jung freie Bahn. Nicht er hatte die Vaterfigur gestürzt, sondern der Vater hatte ihn verstoßen und sich dabei als klein und feige entlarvt. Nunmehr konnte Jung daran gehen, die Psychoanalyse von den Füßen auf den Kopf zu stellen und damit den psychologischen Vatermord nachträglich als prometheische Befreiungstat kühnen Forscherdrangs zu rechtfertigen.

Der verlorene Sohn

Indem Jung die Psyche mystifizierte und sakralisierte, verkürzte er die Tiefenpsychologie um ihr kritisch-aufklärendes Potential, konnte zugleich aber den Anspruch erheben, tiefer gegraben zu haben als Freud, dessen Werk er scheinbar, fortsetzte, indem er es liquidierte. Der Vater Freud schrumpfte damit zum kleinen jüdischen Rationalisten, der den Zugang zu den Geheimnissen der Seele nicht entdeckt, sondern mit kurzsichtigen Dogmen versperrt hatte. Gegenüber einem solchen Mann war Undankbarkeit keine Schande. Er wurde als Vater auch nicht mehr gebraucht, denn nun bevölkerten mythologische Gewalten die Szene. Das persönliche Drama verschwand im Spiel ewiger Mächte, in den Naturdämonen des kollektiven Unbewußten hatte das religiöse Verehrungsbedürfnis ein tauglicheres Objekt. Der Briefwechsel mit Freud macht Jungs tiefenpsychologische Regression zu den "Müttern" versteh bar als kompensierenden und rationalisierenden Überbau über einem Vater-Sohn-Konflikt.

Diese Lösung wäre freilich nicht möglich gewesen, wenn sie nicht dem geistigen Habitus des Pfarrersohnes Jung entsprochen hätte. Schon in einem Brief vom 11. Februar 1910 hatte er der Psychoanalyse die Aufgabe zugewiesen, "beim Intellektuellen den Sinn fürs Symbolische und Mythische wiederzubeleben, den Christum sachte in den weissagenden Gott der Rebe, der er war, zurückzuverwandeln und so jene ekstatischen Triebkräfte des Christentums aufzusaugen, alles zu dem ‚einen‘ Ende, den Kultus und den heiligen Mythos zu dem zu machen, was sie waren, nämlich zum trunkenen Freudenfeste, wo der Mensch in Ethos und Heiligkeit Tier sein darf."

Damals hatte Freud kopfschüttelnd bemerkt: "In Ihnen stürmt und wettert es heute wieder." Bald sollte es so heftig stürmen und wettern, daß Freud die Hoffnung auf den einstigen "Freund und Erben" aufgeben müßte. Die Psychoanalyse erlitt dadurch empfindlichen Schaden. Denn der Abfall Jungs machte sie abermals zur kleinen jüdischen Sekte, entzog ihr wertvolle schöpferische Energien und förderte die Tendenz zur dogmatischen Verhärtung, deren lähmende Wirkungen bis heute zu spüren sind.