Als Freud ihm Anfang 1908 die Freundschaft anbietet, weicht Jung scheu zurück. "Das unverdiente Geschenk Ihrer Freundschaft bedeutet für mich einen gewissen Höhepunkt meines Lebens", schreibt er am 20. Februar 1908, aber er fügt sogleich die Bitte an, "mich Ihre Freundschaft nicht als die Gleichberechtigter, sondern als die von Vater und Sohn genießen zu lassen. Solche Distanz erscheint mir angemessen und natürlich."

Den psychologischen Hintergrund hat bereits ein Brief vom 28. Oktober 1907 beleuchtet, in dem sich das Bekenntnis findet: "Eigentlich – was ich Ihnen mit Widerstreben gestehen muß – bewundere ich Sie als Menschen wie als Forscher schrankenlos, beneide Sie bewußt nicht; daher also kommt der Selbsterhaltungskomplex nicht, sondern er kommt daher, daß meine Verehrung für Sie einen ’religiös’-schwärmerischen Charakter hat, der mir... wegen eines unverkennbar erotischen Untertones ekelhaft und lächerlich ist. Dieses abscheuliche Gefühl stammt daher, daß ich als Knabe einem homosexuellen Attentat eines von mir früher verehrten Menschen unterlegen bin... Ich fürchte daher Ihr Vertrauen."

Der Doppelsinn wird klar, wenn man eine andere Briefstelle hinzunimmt (8. November 1907), in der Jung seine Verehrung für Freud als Kompensation seiner "früher sehr lebhaften" Religiosität bezeichnet. Er sucht in Freud die religiös gefärbte, also unbedingte Vater-Allmacht, weicht zugleich aber vor ihr zurück aus Angst vor der eigenen Tendenz zu erotisch getönter Unterwerfung.

Anfang April 1909, nachdem er Freud in Wien besucht hat, meldet Jung dem väterlichen Freund: "Der letzte Abend bei Ihnen hat mich innerlich glücklichst befreit vom drückenden Gefühl Ihrer Vaterautorität." Ursache des Befreiungsgefühls war ein kleiner Triumph über den skeptischen Freud; ein wiederholtes Krachen im Schrank, von Jung als Spukphänomen gedeutet, schien seinen okkultistischen Neigungen recht zu geben. Daran wird deutlich: Jung brauchte Demonstrationen intellektueller Überlegenheit, um von der Vaterfigur Freud loszukommen. Diesmal noch folgte freilich, wie schon oft, dem Selbständigkeitsrausch die Unterwerfungsgeste.

Jungs Dilemma scheint dies gewesen zu sein: wollte er der Abhängigkeit von dem in Freud verkörperten Vaterbild entrinnen, so mußte er Freud als Persönlichkeit entwerten; das konnte nur geschehen, wenn er ihn auch intellektuell überwand, ihn auf theoretischem Gebiet übertrumpfte. Der theoretische Abfall von dem Lehrer war aber ohne Schuldgefühl nicht möglich, solange er ihm auch persönlich verbunden war. Dieser Knoten war nicht aufzulösen, sondern nur im günstigen Moment zu durchhauen. Langsam, aber mit eindrucksvoller Konsequenz, strebt die Entwicklung, genährt auch durch den leicht zu reizenden Argwohn Freuds, seit etwa 1910 einer destruktiven Entladung entgegen.

Im Zuge seiner mythologischen und archäologischen Studien, zu denen ihn die Phantasien einer schizophrenen Patientin angeregt haben, gelangt Jung zu einigen Umdeutungen psychoanalytischer Theoreme: Der Libidobegriff wird aufgebläht und entsexualisiert, das Inzestverbot aus der Angst erklärt, die ihm nach Freud entstammt, das Verhältnis zwischen Mythos und psychischem Konflikt umgekehrt – nicht der Mythos bildet den Konflikt ab, sondern der Konflikt aktualisiert den Mythos. Damit fühlt sich Jung stark genug, etwas forschere Töne anzuschlagen. Obwohl Freud seinen Widerspruch milde und zurückhaltend formuliert, glaubt Jung sich plötzlich in unerträglicher Weise geknebelt. Hinter maßloser Empfindlichkeit wird der Versuch erkennbar, Freud ins Unrecht zu setzen. Als dies nicht gelingt, greift Jung zu einer schärferen Waffe. Freuds freimütiges Bekenntnis, noch ein Stückchen Neurose mit sich herumzutragen, benutzt Jung zu einer brutalen Generalabrechnung. Mit verletzender Schärfe hält er Freud seine Neurose vor, und als Freud erwidert, daß jeder sich wohl besser mit der eigenen Neurose als mit der des Nächsten beschäftige, schlägt er noch massivere, noch provozierendere Töne an. Jung pocht darauf, der Gesunde zu sein, der dem wir derspenstigen Kranken zur Einsicht verhelfen muß – dem machtgierigen Neurotiker Freud, der seine Schüler in sklavischer Abhängigkeit hält, so daß keiner den Propheten einmal am Bart zu zupfen wagt, muß endlich die Wahrheit gesagt werden.

Daß er Freud damit empfindlich verletzt und eine Fortsetzung der Beziehungen unmöglich gemacht hatte, mußte Jung wissen. Am 3. Januar 1913 schlug Freud den Abbruch der privaten Beziehungen vor. Damit hatte Jung freie Bahn. Nicht er hatte die Vaterfigur gestürzt, sondern der Vater hatte ihn verstoßen und sich dabei als klein und feige entlarvt. Nunmehr konnte Jung daran gehen, die Psychoanalyse von den Füßen auf den Kopf zu stellen und damit den psychologischen Vatermord nachträglich als prometheische Befreiungstat kühnen Forscherdrangs zu rechtfertigen.