ARD, Montag, 15. Juli: "Zehn Stunden sind ein Tag"

Die Kleinstadt Geretsried in Bayern kam vor gut drei Jahren zu bescheidenem Ruhm. Das dort ansässige Unternehmen Eurocan, Tochtergesellschaft eines amerikanischen Konzerns, führte als erste deutsche Firma die Vier-Tage-Arbeitswoche ein. Das System war gerade in den USA Mode geworden: Das Arbeitspensum einer 40-Stunden-Woche wird auf vier Arbeitstage mit zehn Stunden aufgeteilt. In den USA arbeiten heute etwa 8000 Betriebe mit der Vier-Tage-Woche; in der Bundesrepublik sind die Versuche fast alle wieder aufgegeben worden. Warum hat sich das so entwickelt? Claus Ferdinand Siegfried versuchte in einer Fernsehdokumentation eine Antwort zu finden.

Die Sendung war ein Glücksfall in der Reihe wirtschafts- und sozialpolitischer Fernsehdarbietungen, die sich zumeist entweder als bebilderte Leitartikel entpuppen oder in eine Spielhandlung flüchten, bei der das Theater den Informationswert verdrängt.

Siegfried reponierte, recherchierte mit der Kamera am Arbeitsplatz, in den Wohnzimmern der Arbeiter, in den Chefbüros. Das Bild, das so entstand, war nicht frei von Widersprüchen – wie es im Leben halt so ist. Doch eine Grundtendenz konnte der Autor klar herausarbeiten: Die Deutschen sind arbeitswütig. Wenn sie ihr 40-Stunden-Pensum in vier Tagen erfüllt haben, kommen sie am fünften und sechsten Tag freiwillig zu Überstunden und bessern so ihren Monatsverdienst um 300 bis 400 Mark auf. Und wenn sie keine Überstunden machen, bauen sie am Wochenende Häuser. Entspannende Freizeitbeschäftigungen, Hobbys oder Weiterbildung rangieren am Ende der Tätigkeitsliste.

Doch nicht solche Einsichten waren der Grund, warum man in Geretsried wieder zur Fünf-Tage-Woche übergegangen ist. Vielmehr kollidiert die erwünschte Produktionserhöhung mit der deutschen Arbeitszeitordnung. Und damit war nicht mehr möglich, was ein amerikanischer Unternehmer freimütig als sein Ziel bei der Einführung deklarierte: eine Erhöhung des Gewinns. Nebenbei bemerkt machte der eingeblendete Bericht aus Amerika von Dieter Gütt den Mentalitätsunterschied zwischen deutschen und amerikanischen Arbeitern deutlich, die anscheinend mehr mit ihrer Freizeit anzufangen wissen.

Siegfrieds Fazit: Unsere Gesellschaft ist noch nicht freizeitreif. Doch dieses Problem ist nicht neu. Der Kunstsammler und Verleger Lothar-Günther Buchheim erzählt in einem seiner Sammler-Berichte, wie deutsche Glasmacher, als um die Jahrhundertwende geregelte Arbeitszeit und Pausen erkämpft waren, mit ihrer neu gewonnenen Freizeit nichts anderes anzufangen wußten, als mit ihren handwerklichen Fähigkeiten aus Glaskugeln phantasievolle Briefbeschwerer zu produzieren – zum Verkauf, nicht etwa zur eigenen Freude.

Schade, daß in der Sendung die von Arbeitsmedizinern empfohlene Alternative für mögliche Arbeitszeitverkürzungen nur am Rande erwähnt wurde: ein zweiter Jahresurlaub.

Heinz Michaels