Die Botschaft des Gewissens

Dreißig Jahre danach: Gedenken an die Männer des 20. Juli

Von Marion Gräfin Dönhoff

Dreißig Jahre sind vergangen, seit an jenem 20. Juli des Jahres 1944 abends vor dem üblichen Wehrmachtsbericht die erregte Stimme des Ansagers im Radio die ersten Informationen über das mißglückte Attentat auf Adolf Hitler verkündete. Dreißig Jahre: Mehr als die Hälfte der heute lebenden Deutschen war damals noch nicht geboren; Kaliningrad hieß noch Königsberg, Wroclaw noch Breslau; es gab keine Grenze quer durch Deutschland, und wer von Leipzig oder Halle nach Hamburg gelangen wollte, riskierte allenfalls, in einen feindlichen Bombenangriff zu geraten, denn man war mitten im Krieg, aber noch wurde nicht hinterrücks und mitten im Frieden von Deutschen auf Deutsche geschossen.

Es ging den Verschworenen vom 20. Juli darum, dem Morden, Foltern, Fälschen, Lügen und Betrügen der Nazis Einhalt zu gebieten – ohne Rücksicht auf das eigene Leben und die Sicherheit der Familie. Denn das wußte jeder: Wenn das Unternehmen mißlang, war das Leben verwirkt, die Familie ein Opfer der Sippenhaft und aller Besitz für immer dahin.

Wahrscheinlich hat Solschenizyn recht, wenn er im Archipel GULAG sagt, das unbegrenzt Böse werde erst durch die Ideologie möglich. Macbeth sei, so meint er, von seinem Gewissen geplagt worden, weil ihm und allen Shakespeareschen Bösewichten die Rechtfertigung der Ideologie gefehlt habe – sie seien schon von einem Dutzend Leichen überwältigt worden.

"Die Ideologie! Sie ist es, die der bösen Tat die gesuchte Rechtfertigung und dem Bösewicht die nötige Härte gibt. Eine gesellschaftliche Theorie, die ihm hilft, seine Taten vor sich und vor den anderen reinzuwaschen, nicht Vorwürfe zu hören, sondern Huldigungen und Lob. So stärkten sich die Inquisitoren am Christentum, die Eroberer an der Überhöhung der Heimat, die Kolonisatoren an der Zivilisation, die Nationalsozialisten an der Rasse, die Jakobiner (die früheren und die späteren) an der Gleichheit, an der Brüderlichkeit und am Glück der künftigen Generation."

Die Leute vom 20. Juli wußten, daß man die Nazi-Ideologie nicht mit einer neuen Ideologie austreiben konnte. Die Regierungserklärung, mit der nach gelungenem Attentat die Grundsätze und Ziele der neuen Regierung bekanntgegeben werden sollten, beginnt mit dem Satz: "Erste Aufgabe ist die Wiederherstellung der vollkommenen Majestät des Rechts." Und: "Soweit der Staat Handlungen seiner Organe nachträglich durch Gesetz für straffrei erklärt hat, die in Wahrheit strafwürdig sind, werden diese Befreiungsbestimmungen als mit der Natur des Rechts unvereinbar aufgehoben und die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen."

Die Botschaft des Gewissens

Intellektuelle Verzweiflung

Der Widerstand, der zum 20. Juli führte, ist von aller Auflehnung, die wir seither erlebten – am 17. Juni 1953 in der DDR, im Jahre 1956 in Polen und Ungarn, im Dezember 1970 in Danzig –, grundverschieden; und auch die Reformer in der ČSSR sind damals nach einem anderen Gesetz angetreten. All jene Aufstände, Proteste, Revolten waren die spontane Reaktion unterdrückter Völker, der Ausbruch elementaren Freiheitsdranges gegen fremde Tyrannen oder deren Handlanger, meist ausgelöst durch einen mehr oder weniger zufälligen Anlaß: die Erhöhung der Arbeitsnorm, nicht gewährte Lohnerhöhungen, unzureichenden Lebensstandard ... Der 20. Juli entsprang der moralischen Empörung und intellektuellen Verzweiflung verantwortungsbewußter einzelner. Es war in allen Schichten die Elite, die sich erhob, Leute, die erzogen waren, sich für das Ganze verantwortlich zu fühlen. Führende Gewerkschaftler, hohe Beamte: zwei Staatssekretäre, zwei Botschafter, zwei Feldmarschälle, ein halbes Dutzend Generäle, viele Offiziere, Kaufleute, Grundbesitzer, Juristen – es ist eine lange Liste, die sich wie das Mitgliederverzeichnis eines hohen Ordens liest.

Jene nie vorgetragene Regierungserklärung und eine ebenfalls nie gehaltene Rundfunkansprache stellen einen Katalog von Sofortmaßnahmen auf: Auflösung der KZs, Restitution unredlich erworbenen Gutes, rücksichtsloser Abbau des Zentralismus, Wiederherstellung der Selbstverwaltung, wobei Preußen im Reich aufgehen sollte. Solange der Krieg andauert, müsse, so heißt es, Zwangswirtschaft und Überwachung der Preise fortbestehen. Danach aber werde so rasch wie möglich die volle Freiheit des Wettbewerbs wiederhergestellt, und zwar handele es sich nicht nur darum, "die freie Initiative des Kapitalbesitzers herzustellen und ihn zum Leistungskampf im Wettbewerb zu zwingen, auch der deutsche Arbeiter muß und wird Gelegenheit erhalten, an der Verantwortung schöpferisch teilzunehmen".

Die außenpolitischen Ziele hatte Goerdeler schon 1941 in einer Denkschrift, die den Titel "Das Ziel" trug, skizziert. Die Denkschrift geht von der Konzeption aus, daß imperialistische Großreiche nicht von Dauer sind: "Der Zusammenbruch erfolgt um so schneller, je rücksichtsloser das überlegene Volk die Unterlegenen behandelt, entrechtet, ausbeutet. Denn in diesem Zustand büßt das herrschende Volk geistige, seelische und physische Kräfte ein, das Beherrschte aber gewinnt sie..."

Um der technischen Entwicklung, die zu wirtschaftlichen Großräumen zwinge, Rechnung zu tragen, gleichzeitig aber den Konflikt mit den stets vorhandenen nationalen Gefühlen der Völker aus dem Weg zu räumen – mit dieser Begründung setzten sich die Vertreter des anderen Deutschland für die Errichtung eines europäischen Staatenbundes ein. Konkret stellten sie sich dies

"Zunächst eine Arbeitsgemeinschaft, deren Mitglieder sich auf einheitliche Spielregeln, auf Ausgleich ihrer öffentlichen Haushalte, damit auf Sicherung ihrer Währungen, auf allmählichen Abbau aller Zollgrenzen und Reisebehinderungen, auf ständige gemeinsame Beratungen – beschränkten. Von dieser Arbeitsgemeinschaft aus dann Zollbindungen, Zusammenschlüsse, Währungsregelungen; von diesen aus der Staatenbund mit militärischen Abmachungen und so fort." In einer Ausarbeitung vom Herbst 1943 wurden als gemeinsame politische Einrichtungen genannt: "Ein europäisches Wirtschaftsministerium, eine europäische Wehrmacht, ein europäisches Außenministerium."

Demoralisierung der Demokratie

Die Botschaft des Gewissens

Mitbestimmung, Marktwirtschaft, Europäische Föderation... es ist erstaunlich, wie umfassend und modern das Konzept des "anderen Deutschland" war. Eine ähnliche Rebellion, noch dazu mitten in einem Krieg, in dem der Zorn der Bevölkerung auf den Feind fixiert ist und "Hochverrat" kaum mit Verständnis rechnen kann, hat es nie zuvor gegeben – und, so muß man hinzufügen, es wird sie auch nie wieder geben. Warum nicht?

Der 20. Juli hatte ganz bestimmte historische Voraussetzungen. Er war nur möglich, weil es damals in allen Schichten noch Leute gab, für die die Prinzipien früherer Zeiten ihre Gültigkeit noch nicht verloren hatten. Nicht, daß jene vergangene Epoche mit ihrem Kastengeist und ihren privilegierten Schichten der Demokratie vorzuziehen wäre – gewiß nicht, die Demokratie ist nun einmal die beste aller Regierungsformen, weil sie die meiste Freiheit gewährt. Sie hat aber zur Vorbedingung, daß der einzelne sich gewisse Selbstbeschränkungen auferlegt, damit das System nicht zwangsläufig in einem catch-ascatch-can endet.

Leider beginnt sich bei uns eine Demoralisierung der Demokratie abzuzeichnen, die jede Rücksicht auf das Ganze vermissen läßt und Opfer für die Gemeinschaft fast ausschließt. Der Kampf organisierter Einzelgruppen gegen den Staat wird immer bedenkenloser geführt: Vertreter egoistischer Partikularinteressen tun so, als hätten sie nur das Gemeinwohl im Auge – die Gewerkschaften sind da nicht das einzige Beispiel. Wer eigentlich fühlt sich noch primär für das Ganze verantwortlich? Nicht einmal alle Beamten. Es ist der Verteilungskampf, der heute im Vordergrund steht.

In einer solchen Gesellschaft ist für die ritterliche Gesinnung des 20. Juli kein Lebensraum. Jene Gesinnung – darüber muß man sich klar sein – war ein Residuum früherer Zeiten, da die Privilegien ja keine Gratiszugabe waren: ihr Korrelat, die Ehre, verpflichtete die privilegierten Gruppen zum Opfer für die Gemeinschaft, den Staat, den König, das Vaterland – oder was immer die Gesellschaft als ihren Mittelpunkt empfand.

Leider ist es nicht möglich, die positiven Seiten verschiedener historischer Phasen zu kombinieren und die jeweiligen negativen Begleiterscheinungen zu eliminieren. Jeder Vorteil hat seine ihm spezifischen Nachteile. Darum gerät man ja auch in der Geschichte immer wieder vom Regen in die Traufe: Jede Epoche bemüht sich, die Fehler der Vorangegangenen zu kompensieren und legt damit die Saat für Übertreibungen, die sich zu neuen Fehlern auswachsen.

Doch sollte man wenigstens versuchen, gewisse Bilder vor Augen zu behalten. Jede Nation hat ihre Helden – Forscher, Feldherren, Revolutionäre oder Volkstribune. Nur wir nehmen die unseren nicht zur Kenntnis. Dabei sind die Helden – und Opfer – des 20. Juli die Selbstlosesten, denn ihnen ging es nicht einmal um Ruhm.