Intellektuelle Verzweiflung

Der Widerstand, der zum 20. Juli führte, ist von aller Auflehnung, die wir seither erlebten – am 17. Juni 1953 in der DDR, im Jahre 1956 in Polen und Ungarn, im Dezember 1970 in Danzig –, grundverschieden; und auch die Reformer in der ČSSR sind damals nach einem anderen Gesetz angetreten. All jene Aufstände, Proteste, Revolten waren die spontane Reaktion unterdrückter Völker, der Ausbruch elementaren Freiheitsdranges gegen fremde Tyrannen oder deren Handlanger, meist ausgelöst durch einen mehr oder weniger zufälligen Anlaß: die Erhöhung der Arbeitsnorm, nicht gewährte Lohnerhöhungen, unzureichenden Lebensstandard ... Der 20. Juli entsprang der moralischen Empörung und intellektuellen Verzweiflung verantwortungsbewußter einzelner. Es war in allen Schichten die Elite, die sich erhob, Leute, die erzogen waren, sich für das Ganze verantwortlich zu fühlen. Führende Gewerkschaftler, hohe Beamte: zwei Staatssekretäre, zwei Botschafter, zwei Feldmarschälle, ein halbes Dutzend Generäle, viele Offiziere, Kaufleute, Grundbesitzer, Juristen – es ist eine lange Liste, die sich wie das Mitgliederverzeichnis eines hohen Ordens liest.

Jene nie vorgetragene Regierungserklärung und eine ebenfalls nie gehaltene Rundfunkansprache stellen einen Katalog von Sofortmaßnahmen auf: Auflösung der KZs, Restitution unredlich erworbenen Gutes, rücksichtsloser Abbau des Zentralismus, Wiederherstellung der Selbstverwaltung, wobei Preußen im Reich aufgehen sollte. Solange der Krieg andauert, müsse, so heißt es, Zwangswirtschaft und Überwachung der Preise fortbestehen. Danach aber werde so rasch wie möglich die volle Freiheit des Wettbewerbs wiederhergestellt, und zwar handele es sich nicht nur darum, "die freie Initiative des Kapitalbesitzers herzustellen und ihn zum Leistungskampf im Wettbewerb zu zwingen, auch der deutsche Arbeiter muß und wird Gelegenheit erhalten, an der Verantwortung schöpferisch teilzunehmen".

Die außenpolitischen Ziele hatte Goerdeler schon 1941 in einer Denkschrift, die den Titel "Das Ziel" trug, skizziert. Die Denkschrift geht von der Konzeption aus, daß imperialistische Großreiche nicht von Dauer sind: "Der Zusammenbruch erfolgt um so schneller, je rücksichtsloser das überlegene Volk die Unterlegenen behandelt, entrechtet, ausbeutet. Denn in diesem Zustand büßt das herrschende Volk geistige, seelische und physische Kräfte ein, das Beherrschte aber gewinnt sie..."

Um der technischen Entwicklung, die zu wirtschaftlichen Großräumen zwinge, Rechnung zu tragen, gleichzeitig aber den Konflikt mit den stets vorhandenen nationalen Gefühlen der Völker aus dem Weg zu räumen – mit dieser Begründung setzten sich die Vertreter des anderen Deutschland für die Errichtung eines europäischen Staatenbundes ein. Konkret stellten sie sich dies

"Zunächst eine Arbeitsgemeinschaft, deren Mitglieder sich auf einheitliche Spielregeln, auf Ausgleich ihrer öffentlichen Haushalte, damit auf Sicherung ihrer Währungen, auf allmählichen Abbau aller Zollgrenzen und Reisebehinderungen, auf ständige gemeinsame Beratungen – beschränkten. Von dieser Arbeitsgemeinschaft aus dann Zollbindungen, Zusammenschlüsse, Währungsregelungen; von diesen aus der Staatenbund mit militärischen Abmachungen und so fort." In einer Ausarbeitung vom Herbst 1943 wurden als gemeinsame politische Einrichtungen genannt: "Ein europäisches Wirtschaftsministerium, eine europäische Wehrmacht, ein europäisches Außenministerium."

Demoralisierung der Demokratie