Mitbestimmung, Marktwirtschaft, Europäische Föderation... es ist erstaunlich, wie umfassend und modern das Konzept des "anderen Deutschland" war. Eine ähnliche Rebellion, noch dazu mitten in einem Krieg, in dem der Zorn der Bevölkerung auf den Feind fixiert ist und "Hochverrat" kaum mit Verständnis rechnen kann, hat es nie zuvor gegeben – und, so muß man hinzufügen, es wird sie auch nie wieder geben. Warum nicht?

Der 20. Juli hatte ganz bestimmte historische Voraussetzungen. Er war nur möglich, weil es damals in allen Schichten noch Leute gab, für die die Prinzipien früherer Zeiten ihre Gültigkeit noch nicht verloren hatten. Nicht, daß jene vergangene Epoche mit ihrem Kastengeist und ihren privilegierten Schichten der Demokratie vorzuziehen wäre – gewiß nicht, die Demokratie ist nun einmal die beste aller Regierungsformen, weil sie die meiste Freiheit gewährt. Sie hat aber zur Vorbedingung, daß der einzelne sich gewisse Selbstbeschränkungen auferlegt, damit das System nicht zwangsläufig in einem catch-ascatch-can endet.

Leider beginnt sich bei uns eine Demoralisierung der Demokratie abzuzeichnen, die jede Rücksicht auf das Ganze vermissen läßt und Opfer für die Gemeinschaft fast ausschließt. Der Kampf organisierter Einzelgruppen gegen den Staat wird immer bedenkenloser geführt: Vertreter egoistischer Partikularinteressen tun so, als hätten sie nur das Gemeinwohl im Auge – die Gewerkschaften sind da nicht das einzige Beispiel. Wer eigentlich fühlt sich noch primär für das Ganze verantwortlich? Nicht einmal alle Beamten. Es ist der Verteilungskampf, der heute im Vordergrund steht.

In einer solchen Gesellschaft ist für die ritterliche Gesinnung des 20. Juli kein Lebensraum. Jene Gesinnung – darüber muß man sich klar sein – war ein Residuum früherer Zeiten, da die Privilegien ja keine Gratiszugabe waren: ihr Korrelat, die Ehre, verpflichtete die privilegierten Gruppen zum Opfer für die Gemeinschaft, den Staat, den König, das Vaterland – oder was immer die Gesellschaft als ihren Mittelpunkt empfand.

Leider ist es nicht möglich, die positiven Seiten verschiedener historischer Phasen zu kombinieren und die jeweiligen negativen Begleiterscheinungen zu eliminieren. Jeder Vorteil hat seine ihm spezifischen Nachteile. Darum gerät man ja auch in der Geschichte immer wieder vom Regen in die Traufe: Jede Epoche bemüht sich, die Fehler der Vorangegangenen zu kompensieren und legt damit die Saat für Übertreibungen, die sich zu neuen Fehlern auswachsen.

Doch sollte man wenigstens versuchen, gewisse Bilder vor Augen zu behalten. Jede Nation hat ihre Helden – Forscher, Feldherren, Revolutionäre oder Volkstribune. Nur wir nehmen die unseren nicht zur Kenntnis. Dabei sind die Helden – und Opfer – des 20. Juli die Selbstlosesten, denn ihnen ging es nicht einmal um Ruhm.