Von Jan Hatje

Noch schleichen die Kontrahenten umeinander herum und wetzen die Messer nur hinter dem Rücken; noch läßt sich so ganz genau gar nicht sagen, wieviel das, worum sie sich demnächst streiten werden, überhaupt wert ist – aber daß sie sich streiten werden, scheint jetzt schon sicher.

Es geht um die Eiswüste der Antarktis. Eine geheime Studie des Nationalen Sicherheitsrates der USA läßt erkennen, daß die Amerikaner sich derzeit sehr konkret Gedanken darüber machen, wie die Zukunft eines Kontinents aussehen soll, dessen eisige Ruhe bislang nur unerheblich durch ein paar Geologen sowie durch ein dänisches Touristik-Unternehmen gestört wird.

Als Öl und Rohstoffe noch nicht rar waren und der Gedanke an die Nutzung von Bodenschätzen am Südpol noch sehr fern lag, da hatte man sich freundschaftlich geeinigt’: Zwölf Nationen, darunter Großbritannien, Frankreich, die Sowjetunion und die Vereinigten Staaten, kamen 1961 überein, in der Antarktis keinesfalls mit Waffen zu hantieren, friedlich und gemeinsam wissenschaftliche Forschung zu betreiben und die natürliche Umwelt unangetastet zu lassen. Fünf weitere Staaten sind der Konvention inzwischen beigetreten. Nun hat aber Neuseeland beim letzten Treffen der Antarktiker beantragt, auf der nächsten Zusammenkunft im April 1975 die Frage der Bodenschätze auf die Tagesordnung zu setzen. Das ist ein heißes Eisen, Und die Geheimstudie der USA gehört zu den Vorbereitungen auf die zu erwartenden Kontroversen über die Frage, wer wo was fördern wird.

Freilich gibt es da viele Probleme. Flugzeuge können in der Antarktis nur unter großen Schwierigkeiten landen, die wenigen Häfen können nur während einiger Monate im Jahr angelaufen werden, die industrielle Erschließung dieser unwirtschaftlichen Weltgegend wird also auf bisher kaum zu bewältigende Hindernisse stoßen, von denen der Umstand, daß ein Finger, den man dort in die Luft hält, auf der Stelle abfriert, nicht das geringste ist. Vor allem aber gibt es über Umfang, Art und Lage der am Südpol zu erwartenden Bodenschätze bisher nicht viel mehr als Vermutungen.

Da die Antarktis in früher erdgeschichtlicher Zeit einmal mit Südamerika, Afrika und Australien zusammengehangen hat, ist es allerdings wahrscheinlich, daß sie, ähnlich diesen Kontinenten, über reiche Vorräte an Öl, Erdgas und Mineralien verfügt, und der US Geological Survey Wagt, wie sich aus jener Geheimstudie ergibt, sogar die Schätzung, daß allein im westantarktischen Schelf-Gebiet etwa die gleiche Menge Öl und Erdgas liegt wie die USA auf ihrem eigenen Territorium an nachgewiesenen Vorräten haben. Aber wirklich exakte Nachrichten sind spärlich. Vom Lassiter-Schelfgebiet ist das Vorkommen von Kupfer bekannt, an einer anderen Stelle vermutet man Chrom und Platin, und im transantarktischen Gebirge ist man auf Kohle gestoßen. Das Forschungsschiff "Glomar Challenger" fand Anfang 1973 im Roß-Meer Spuren von Äthan und Methan, die auf Öl und Erdgas hinweisen. Eine sowjetische Expedition soll auf ungeheure Eisenlager gestoßen sein und in Queen Maud’s Land gibt es Gold.

Was man bisher weiß, ist also nicht viel, aber den Amerikanern schien es geraten, die weitere Forschung nach abbauwürdigen Vorkommen zu intensivieren. Allein 12 Millionen Dollar sind für ein Fünfjahresprogramm zur Erdölprospektion angesetzt. Zwar betont man offiziell, dies sei ein rein wissenschaftliches Programm, denn an Erschließung und Nutzung solcher Vorräte sei, selbst wenn man fündig werde, vorerst überhaupt nicht zu denken. Aber es gibt schon Wissenschaftler, die darauf aufmerksam machen, daß alle bisherigen Kostenschätzungen für eine Förderung am Südpol bei zunehmender Rohstoffknappheit in einem neuen Licht gesehen werden müßten, daß es demnach in zehn oder zwanzig Jahren sehr wohl lohnend sein könnte, das Öl aus dem Eis zu holen und daß es bis dahin gewiß auch möglich sei, die technischen Schwierigkeiten zu überwinden.