Von Ronald Granz

San Francisco, im Juli

Wenige hundert Meter entfernt von den "Sealrocks", jenen Felsen in San Francisco, auf denen sich Hunderte von Seehunden unter der heißen Julisonne und dem Klicken der Touristenkameras aalen, verläuft eine Küstenstraße ins Nichts. Nach etwa dreihundert Metern wölbt sich die Straßendecke; tiefe Risse im Asphalt markieren Versetzungen, die Mittellinien laufen zickzack und enden am über hundert Meter tiefen Abgrund zum Pazifik. Der Erdrutsch, der diese Straße oberhalb des Strandes zerstörte, ist Folge eines der tausend kleineren Erdstöße, die San Francisco und seine Bewohner in jedem Jahr heimsuchen.

Als Assistent Evert Bloom vor zwei Monaten in seinem Anwaltsbüro in der Montgomery Street der Pazifikstadt über Akten brütete, spürte er plötzlich ein Zittern unter seinen Schuhsohlen, die Wände wackelten, die Fensterscheiben vibrierten pfeifend, und sein Schreibtisch drohte, wie von unsichtbarer Hand geschoben, davonzurollen. "Das passiert einige Male im Jahr", sagt Bloom, "für mich ist es immer wieder wie ein Vorbote kommenden Unheils."

Und verheerendes Unheil steht der Stadt am Golden Gate und ihren Bewohnern, so erklären übereinstimmend die Wissenschaftler, in naher Zukunft mit Sicherheit bevor. Ein großes Erdbeben droht San Francisco nach der Katastrophe von 1906 zum zweitenmal innerhalb dieses Jahrhunderts in Schutt und Asche zu legen. "Die Zeitbombe unter unseren Füßen tickt wieder", sagte kürzlich US-Senator Ernest Hollings vor einer Delegation sowjetischer Seismologen in San Francisco. Unzählige Erdrisse, gespaltene Häuser und Erdbeben in Nachbargemeinden vergegenwärtigen den Einwohnern die Gefahr jeden Tag aufs neue.

Ursache der fortwährenden Bedrohung für die Stadt am Pazifik ist ein geologisches Phänomen, der San-Andreas-Spalt, ein riesiger, fünfzig Kilometer tiefer Riß in der Erdkruste, der Kalifornien parallel zur Küste unterirdisch auf einer Länge von 1000 Kilometern durchschneidet und immer wieder Erdbeben hervorbringt.

Wann die nächste Katastrophe San Francisco ereilt, ob heute, morgen oder erst in einigen Jahren, das wissen selbst die zahlreichen Seismologen, Geologen und Erdbebenwissenschaftler bis heute nicht vorauszusagen, die seit Jahren den San-Andreas-Spalt mit seinen tausend Nebenspalten von Mendocino bis hinunter in den Süden nach San Diego sorgsam auf Erschütterungen beobachten und Bewegungen vermessen, um die Bevölkerung rechtzeitig zu warnen. "Aber eines ist sicher: Je weiter wir vom letzten großen Erdbeben entfernt sind, desto näher sind wir dem nächsten – und das letzte große Beben verwüstete San Francisco im Jahre 1906", sagt Perry Byerly,