Neigt sich die Ära Wehner dem Ende zu? Das ist ein altes Bonner Thema. Neu ist freilich, daß es in letzter Zeit immer häufiger auftaucht. Wehner selbst hat es kürzlich wiederbelebt, als er auf die Frage, wie lange er den Karren noch mitziehen werde, antwortete: "Solange der Karren will."

Der Karren aber ächzt. Daß ihre drei Spitzenleute – Schmidt, Brandt, Wehner – drei ganz verschiedene Führungsfunktionen – Kanzler, Parteichef, Fraktionsvorsitzender – ausüben, ist für die Sozialdemokraten eine völlig ungewohnte Situation. Nach dem blitzschnellen Umbau der Bonner Regierungsbühne haben sich die Gewichte in jenem Dreieck noch nicht austariert.

Das gilt um so mehr, als Brandt und Wehner sich nichts mehr zu sagen haben. Welche Rolle Wehner beim Rücktritt Brandts gespielt hat, bleibt vorerst ein Parteigeheimnis. Große Teile der Fraktion wie der Partei mißtrauen ihm deshalb. Die Verbindung zwischen Brandt und Schmidt hingegen hat sich stabilisiert, nachdem Egon Bahr zum Nachfolger Epplers als Entwicklungshilfeminister berufen worden ist.

So erscheint Wehner abermals als Einzelgänger. Aber bei allem Unmut weiß niemand eine Alternative zu ihm, zumal Brandt den Fraktionsvorsitz nicht anstrebt. Die SPD wird Herbert Wehner, sofern er die Vorbehalte gegen sich erträgt, weiter ertragen müssen. Und wenn die Sozialdemokraten mit Helmut Schmidt an der Macht bleiben, wird man Wehner vielleicht wiederum als den Mann feiern, der sie beizeiten zu ihrem Glück gezwungen hat. c. c. k.