ZDF, Sonntag, 14. Juli: "Folter – und kein Ende?", von Wolfgang Büsgen

Elektroschock: Das ist ein Wort, das sich so leicht wie Gaskammer oder Napalm aussprechen läßt. Das eine hat etwas mit Schmerzen zu tun: Die erste Assoziation lautet entweder "brasilianisches Gefängnis" oder "Heilmethode"; das andere deutet auf Vernichtung (aber die Todesangst, sagt man, sei nur kurz, und das Sterben eher gnädig als qualvoll); das dritte ist ein Brandmittel: irgendeine Waffe, die, wie es heißt und wie der Vietnam-Krieg gelehrt hat, von großer Wirkung sein soll.

Termini technici sind Gewöhnungs- und Verharmlosungs-Worte. Wer darlegen möchte, was sich hinter ihnen verbirgt, muß weit ausholen und die Schmerzen beschreiben, die den Körper durchzucken: im Augenblick des mörderischen Schocks. Er muß die Wirkungsweise des Gelees analysieren, das den Körper zerfrißt: das Gesicht des Säuglings zum Beispiel. Er muß die Kratzspuren in den Kammern von Auschwitz oder Maidanek verdeutlichen: Fingernägel, die sich in die Decken einkrallten. Kurzum, er muß versuchen, hinter den Tarn- und Täuschungs-Worten die Wirklichkeit sichtbar zu machen: Was denkt ein Mensch – in der Sekunde, wo die Folterknechte mit ihren Messern und Saugnäpfen kommen? Ein Mensch, der gleich kein Mensch mehr sein wird, sondern ein zuckendes Bündel von Reflexen? Ein brüllendes Stück Fleisch? (Und was denken die auf der anderen Seite? Wer sind sie? Welche Voraussetzungen müssen sie mitbringen, um ihrer Tätigkeit gewachsen zu sein?)

Die Wirklichkeit hinter den Worten: Darum ging es in diesem Report of Torture. Länder wurden genannt, Foltermethoden wie die "Papageienschaukel" aus Brasilien vorgeführt, Techniken der Peiniger mit Hilfe von seelenkundlichen Analysen gedeutet. (Liebesunfähige, psychisch Impotente schlagen auf die Geschlechtsteile der Opfer. Henker verteilen, um im Notfall ein Alibi zu haben, die Rollen: Immer muß einer der "Gute" sein, der die Partei des Opfers ergreift.)

Man sprach von Folterknechten und vergaß die Herren mit den weißen Händen nicht. General Massu verteidigte die "dosierte, unter Kontrolle ausgeübte" Folter: Der Elektroschock – eine Bagatelle für ihn. Auch der Schah war mit von der Partie und sang das Loblied auf sein fortschrittliches Land. (Wir brauchen keine Folter mehr, wir haben andere Methoden, um die Leute zum Sprechen zu bringen.)

Die einen, die in der Sendung zu Wort kamen, Theologen, Ärzte und Juristen, dachten an die Seelenlage der Opfer, die anderen, die Vertreter der Macht, an die Techniken, mit deren Hilfe man Geständnisse erzwingt. Die einen hatten Phantasie. Die anderen hatten sie nicht. Für Massu und Resa Schah war die Tortur ein technologisches Problem, das mit Moral, mit Menschenrecht und Frömmigkeit nicht das Geringste zu tun hat. (Daß Gott leidet, wenn ein Mensch leiden muß, ist, so zeigte die Sendung, ein Gedanke, den der Mächtige nicht denkt.)

Scheinbar über den gleichen Gegenstand redend, sprach man in Wahrheit von verschiedenen Dingen. Die einen sprachen von der Folter und die andern von der Folterung. Die einen vom Quälen (das notwendig sei) und die anderen von Qualen (die gegen die Menschenrechte verstießen). Die einen von Begriffen und die anderen davon, was die Begriffe bedeuten: für den Menschen, auf den sie angewandt werden.