Leute werden entlassen, und wir sprechen, ganz Arzt am Krankenbett, vom Prozeß des "Gesundschrumpfens". "Rationalisierungsmaßnahmen" werden "eingeleitet", und wir haben uns daran gewöhnt, darunter nur noch die ultima ratio jeder Marktwirtschaft zu verstehen, die Bilanz.

Das mag bei Autofabriken angehen; aber wie lange kann ein Buchverlag "rationalisieren", der sich – im besten Fall – Mehrung und Verbreitung der ratio, der Vernunft und kritischen Phantasie, zur Aufgabe macht? Kann man, da gespart werden muß, auch am Geist sparen?

Die (alten) Fragen stellen sich mit neuer Dringlichkeit in diesen von Gerüchten erfüllten Monaten vor der Buchmesse im Herbst. In deutschen Verlagshäusern herrscht Unruhe, ungleich jener Unsicherheit vor sechs, acht Jahren, als "die" Literatur totgesagt wurde.

Wie bei der Öl(preis)krise im Winter muß jetzt die Papier(preis)krise herhalten, unterschiedliche (Fehl-)Entwicklungen zu erklären. Da kann der Papierfabrikant Sieber-Rilke an Hand exakter Prozentzahlen den Büchermachern im "Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel" noch so genau vorrechnen, daß es nicht "notwendig" sei, "auf Grund der Papierpreiserhöhung einen Buchpreis von 28 DM auf DM 40 oder sogar mehr zu erhöhen" – vom S. Fischer Verlag ist zu hören, daß man für ein mit etwa 29,80 Mark angekündigtes Buch schon im Herbst "wird wahrscheinlich 36 oder 38 Mark verlangen müssen".

Und ausgerechnet vom S. Fischer Verlag, den man in der Umarmung des Holtzbrink-Konzerns sicher wähnte vor Preisgewittern, kommen die ersten alarmierenden Nachrichten. Während andere Verlage die Titelflut vorsichtig eindämmen, Rowohlt etwa seine Reihe "das neue buch" auf die Hälfte reduziert (12 Neuerscheinungen jährlich), haben Holtzbrinks Stuttgarter Sparkommissare bei den drei Abteilungen des traditionsreichen Verlagshauses in Frankfurt drastische Eingriffe vorgenommen: Im S. Fischer Buchverlag wird das jährliche "Novitätenangebot reduziert"; der 1972 gegründete Athenäum-Fischer-Taschenbuchverlag hört auf, als selbständiger wissenschaftlichen Verlag zu existieren, wird sich keine Originalausgaben mehr leisten, sondern mit anderen Verlagen (Lizenz- oder Parallel-Ausgaben) zusammenarbeiten; dem Fischer-Taschenbuch-Verlag, der wie andere Taschenbuchfabriken den Kontakt zum Markt verloren hat, "werden neue Schwerpunkte gesetzt".

Da auch die eigene Auslieferungsstelle des S. Fischer Verlages in Berlin eingespart wird, müssen die dreizehn Mitarbeiter dort wie rund zehn Lektoren, Redakteure und freie Mitarbeiter in Frankfurt mit der Kündigung rechnen – das sind, bei 145 Mitarbeitern, immerhin mehr als zehn Prozent.

Wenn solche in der freien Wirtschaft üblichen Kündigungen über Frankfurt hinaus Aufsehen erregen, so deshalb, weil jede als "Rationalisierung" erklärte Schrumpfung eines Verlages die Gefahr des Substanzverlustes heraufbeschwört und für das geistige und literarische Leben des Landes Verarmung bedeuten kann. Nicht die – überfällige – Einschränkung der Buchproduktion in Deutschland weckt Besorgnis, sondern die unausbleibliche Fixierung auf das leicht Eingängige, die Scheu vor verlegerischem Risiko, die Tendenz, das Buch nur noch als profitbringende Ware zu betrachten. Die Sätze, mit denen die Verlagsleitung die Angestellten zu beruhigen hofft, die mit schweren Vorwürfen an die Öffentlichkeit gegangen sind ("konzeptionslos gewirtschaftet", "verfahrene wirtschaftliche Situation"), lassen befürchten, daß in Zukunft auch am Geist gespart werden soll, wenn von "neuen Schwerpunkten im Bereich breit interessierender, auflagenstarker Themengruppen" die Rede ist.

Rolf Michaelis