Von Manfred Funke

Seit Jahren werden von der Nationalsozialismus-Forschung eher neue Deutungen als neue Quellen verlangt. Befreit man jedoch die Dokumente von mancherlei historiographischer Repression, gibt es Überraschungen. Für eine solche sorgt zweifellos die Dissertation von

Albrecht Tyrell: "Vom Trommler zum Führer. Der Wandel von Hitlers Selbstverständnis zwischen 1919 und 1924 und die Entwicklung der NSDAP"; Wilhelm Fink Verlag, München 1974, 272 S., 28,– DM.

Zahlreiche standardisierte Auffassungen korrigierend, ermittelt Tyrell für die Formationsjahre Hitlers, daß dieser sich keineswegs schon vor der Übernahme des Parteivorsitzes Ende Juli 1921 als informeller "Führer" sah. Hitler drängte als Werbeobmann der Partei keineswegs auf die Beseitigung ihrer Spitze.

Früh war nur das Kernprogramm fixiert: Zuerst Aufrüttlung der Nation durch Information über die jüdisch-imperialistischen und marxistischen Weltherrschaftspläne. Zweitens Umsetzung der Massenbewegung in "tätige Kraft" und Etablierung der rassisch gesicherten Vormachtstellung durch brutale Gewalt. Drittens Durchsetzung dieses Programms mittels ständiger Mobilisierung eines eisernen Willens. Doch als Vollstrecker sah sich Hitler noch nicht; er wollte als Propagandist seine ganze Kraft in die Weckung der rücksichtslosen Bereitschaft stecken, gegen Deutschlands Verderber "wie die Büffel" vorzugehen.

An regelmäßiger Parteiarbeit und ausgefeilten Sachprogrammen war Hitler wenig gelegen. Das Angebot des Vorsitzenden Drexler, den "Trommler" mit entsprechender Position stärker in die Parteiführung einzubinden, lehnte Hitler ab. "Masers Behauptung", so Tyrell, "seit Harrers Ausscheiden sei der Gegensatz zwischen Drexler und Hitler bis zum offenen Bruch im März 1921 ständig stärker geworden, ist eindeutig falsch ... In Wirklichkeit war Drexlers Verhältnis zu Hitler gut." Drexler wollte Hitler in eine entsprechende Stellung bringen, ohne selbst in den Hintergrund zu treten.

Letzteres unterstrichen besonders die von Drexler mitgetragenen Fusionsgespräche zwischen NSDAP und DSP. Obgleich Hitler von einer Verschmelzung die Lähmung der bisherigen Stoßkraft befürchtete, wurden die Kontakte fortgesetzt. Sie veranlaßten Hitlers Parteiaustritt im Juli 1921, der als spontaner Entschluß aus hilfloser Wut weit eher zu deuten ist denn als kalter Schachzug. Jedenfalls reagierte die Partei, für Hitler völlig überraschend, mit dem Angebot diktatorischer Vollmachten und des Parteivorsitzes. Zwar konnte er, mehrfach seine Unsicherheit schlecht verbergend, mit der neuen Parteisatzung vom 29. Juli den Grundstein seiner Führerpartei legen, doch: "Hitlers Parteimodell war Folge, nicht Vorbild oder Ursache der Parteiumbildung" (Tyrell).