Von Jörgen Kramer

Washington, im Juli

Bis zum jüngsten Gipfeltreffen zwischen Breschnjew und Nixon existierte in Washington ein sehr beständiges außen- und sicherheitspolitisches Kräfteparallelogramm. Henry Kissinger und Henry Jackson waren die unbestrittenen Protagonisten an klar abgesteckten, wenn auch nicht ganz gradlinigen Fronten. Der Außenminister repräsentierte unangefochten die Außenpolitik der Regierung Nixon, deren Kurs die außen- und sicherheitspolitischen Experten der Administration folgten – wenn auch zusehends mürrischer. Auf der anderen Seite personifizierte der Senator, der zum Sprachrohr der konservativen Demokraten geworden ist, von einer ebenso überragenden Position aus den Widerstand der Entspannungskritiker gegen die von Kissinger geprägte Politik.

Seit dem rüstungspolitischen Fehlschlag des dritten amerikanisch-sowjetischen Gipfeltreffens verschiebt sich das Washingtoner Kräfteparallelogramm deutlich. Begonnen hatte diese Entwicklung freilich schon vorher. So konnte Verteidigungsminister Schlesinger bei Präsident Nixon vor dem Moskauer Treffen ein Veto gegen den nach seiner Meinung zu konzessionswilligen Salt-Kurs Kissingers durchsetzen. Das permanente Fingerhakeln zwischen den beiden in Harvard geprägten Theoretikern der Nuklearstrategie artete vorübergehend in offenen Streit aus.

Vor dem Abflug aus Moskau meinte Kissinger, beide Seiten hätten ihre militärischen Etablishments erst noch vom Nutzen der atomaren Selbstbeschränkung zu überzeugen. Diese Bemerkung war mindestens zur Hälfte auf Schlesinger und das Pentagon gemünzt; sie wurde dort auch so verstanden. Schlesinger wies den Vorwurf des Außenministers innerhalb weniger Stunden auf einer eigens zu diesem Zweck einberufenen Pressekonferenz zurück.

Kissinger blieb keine andere Wahl, als diese Herausforderung anzunehmen. Er weiß, daß er Verbündete braucht, um den Argumenten Schlesingers und vor allem der Kampagne Jacksons gegen die Entspannungspolitik begegnen zu können. Sein Ruf nach einer Grundsatzdebatte war denn auch ein dürftig verkleideter Solidaritätsappell an die Anhänger der Détente.

Die erste Reaktion kam aus dem akademischen Lager. Eine 38köpfige Gruppe bekannter Wissenschaftler und Industrieller, unter ihnen John Kenneth Galbraith, Jerome Wiesner, Edwin Reischauer und andere altbekannte Fürsprecher für Abrüstung und Entspannung, gründete ein Komitee mit dem Ziel, der um sich greifenden Kritik an der Entspannungspolitik und der Widerborstigkeit Jacksons entgegenzuwirken. Der Außenminister sagte dem Unternehmen schnell seine Unterstützung zu, obwohl die Erfahrung lehrt, daß solche Initiativen aus dem akademischen Bereich nur begrenzte Resonanz haben.