Die Urlauber aus Baden-Württemberg und Wolfsburg erlebten den Mittleren Ring programmgemäß als Nadelöhr, die Einheimischen empfanden den Fremdenverkehr in der Innenstadt als hochtourig, der Temperaturrekord des Sommers maß 29 Grad und empfing seine besondere lokale Färbung durch einen "Föhneffekt": Saisonbeginn in München. Und während am vorigen Freitagabend der Überbayer Franz Josef Strauß nach seiner Wiederwahl zum CSU-Primus sich im Hofbräuhaus populär darstellen mußte, ließ sich Dietrich Fischer-Dieskau im Gasthof zum Hosenband als Sir John Falstaff narren: Mit Giuseppe Verdis letzter Oper, von Günther Rennert neu inszeniert, von Wolfgang Sawallisch dirigiert, von Leni Bauer-Ecsy ausgestattet, wurden die Münchner Festspiele eröffnet. Schon am letzten Wochenende waren die 39 Veranstaltungen zu zwei Dritteln ausverkauft, darunter die vier Opernabende mit dem "Falstaff".

Weder wundert es, noch ist es zu bejammern, denn die Aufführung macht sehr viel Spaß, auch wenn die diskreteren Feinheiten der Partitur und des Spiels manchmal unter allzu derbem Temperament verschwinden: Sawallisch wie Rennert legten ein mitreißendes Tempo vor, der eine mit einer kaum vermuteten Lust zu drastischem Orchestergeschmetter, der andere mit einer gelegentlich mehr effektvollen als effektiven Ensemble-Betriebsamkeit. Doch sind das Einbußen, die man mit einiger Gelassenheit hinnimmt, weil sie im Vergleich sehr erträglich bleiben.

Nichts geriet hier wirklich aus dem Lot – und das liegt zu allererst am Helden Falstaff, einer Figur von pompöser Unansehnlichkeit, jedes Pfund ein pfiffiger, selbstbewußter, ein naiver, aber keineswegs unintelligenter Genießer, dem der Körper dann und wann mit dem Geist durchgeht. Fischer-Dieskau, der ihn ja nicht zum erstenmal spielt, hat ihn sich mit Rennert ganz offenbar sehr genau zurechtgedacht – bald erkennbar an den vielen phantasievollen Details in Gestik und Mimik, Parlando und Gesang. Das Bemühen um charakterisierende Originalität war am deutlichsten da spürbar, wo es gewöhnlich umschlägt in Karikatur und Burleske, bei dem Dienerpaar (Kieth Engen, Gerhard Stolze): Das waren zwei drollig verschlagene Individuen, jedoch keine grotesken Possenreißer.

Selbst im Vergleich mit Ford (Thomas Tipton) und Fenton (Claes-Haakan Ahnsjö) blieben da die Frauen seltsamerweise weit zurück: brav, aber wenig einprägsam. Keine der Frauen, die den Witz der Fabel vollendet zur Geltung zu bringen vermochte wie die Männer und beileibe nicht nur der riesig beleibte Falstaff. Alice (Leonore Kirschstein) schaffte das noch eher als Meg Page (Hertha Töpper), und aus dem kessen Typ der Quickly ist eine runde Matrone geworden, deren Körpersprache bloß noch den wackelnden Hintern kennt. Und Ännchen? Ein Soubrettenbackfisch, niedlich, mit spitzknochigem Charme, und ein bißchen zu neckisch (Reri Grist).

Es geschah, daß der Szenentrubel vor allem um den gejagten Ritter John im Wäschekorb zeitweise mehr gefangen nahm als die Angelegenheit, um deretwillen er veranstaltet wird; es passierte, daß die schönen Stimmen vom aufgeräumt lärmenden Orchester übertönt wurden und dann dünner und zerbrechlicher wirkten, als sie es sind – gleichwohl wurde mit auffallender Hingabe musiziert. Und wenn man die Augenblicke überdrehter Tempi und vordergründig forcierter Lautstärke ausnimmt, bleibt genug an funkelnden Lichtern, an kammermusikalischer Klarheit und kraftvoller Transparenz, an sanftem Glanz und herzhaftem Witz.

Was mit einem Mordsschwung und mit Pauken und Trompeten anfängt, läuft dann aus in der himmlisch-schönen, aber im solistischen Vibrato-Ehrgeiz der Sänger auseinanderfließenden Fuge über die Weisheit Falstaffs, alles auf Erden sei Spaß. Da verwandelt sich die Szene des mitternächtlichen Parks mit dem Gehörnten Knall auf Fall in ein geradezu philosophisch temperiertes Bild: Eiche und Gebüsch verschwinden im Schnürboden, Licht ergießt sich auf die Menge, es scheint, als herrsche jetzt nur noch Einsicht.

Das jedenfalls war der blendendste Regie- und Bühnenbildeinfall. Das Spiel vollzieht sich überhaupt in einem logischen, ungemein anregenden Bühnenbild von monumentaler Einfachheit: ein weiter, hoher Zimmermannsbau aus karbolineumgeschwärztem Balkenwerk, räumliches Gerüst für die wechselnden, wie Versatzstücke eingefügten Szenenbilder: Fachwerkhaus, Innenraum, Mauer mit Weinranke, Park.

Münchner verweigerten dem Schlußbeifall das Adjektiv rauschend – ich empfand ihn als herzlich und das einsame Buh im Pausenapplaus als ein eher stimulierendes Signal für den Dirigenten – welcher übrigens, wie zu lesen war, eine am Verdischen Autograph leicht korrigierte Fassung gespielt haben soll. Ich habe leider keine dieser feinen Änderungen gehört. Manfred Sack