Es traf den Zug wie durch einen Schlag. Dann ein Rütteln. Die Insassen wurden in Fahrtrichtung gedrückt – wie von Riesenhänden. Eine alte Dame wimmerte – Kopf gestoßen. Ein Kind (drei- bis vierjährig) hatte zum Klo gewollt – Tür klemmte, Höschen naß. Der Zug hält. Was ist um Himmels willen los?

Notbremse!

Daß uns hier und heute Gelegenheit gegeben wird, den Augenblick zu schildern, in dem die Notbremse gezogen wird, verdanken wir zwei belgischen Abgeordneten. Die beiden Abgeordneten waren nicht in Not, sondern Flamen, waren auch keine Anarchisten, sondern rechts gesinnt.

Aus der Geschichte des Notbremse-Ziehens nur zwei Beispiele: Erstens das Exempel des Fürsten Dohna, der Mitglied des Preußischen Herrenhauses war, gleichwohl nicht das Glück und die Bequemlichkeit einer Bahnstation in der Nähe seines Schlosses hatte; er zog dann so lange die Notbremse, wenn er von Berlin auf seine östlichen Güter zurückkehrte, bis dies geregelt war: er wollte den Bahnhof in Schloßnähe und bekam ihn. Zweitens das Exempel jenes westfälischen Barons, der unter dem Ehrentitel "Der tolle Bomberg" in die Geschichte eingegangen ist. Er zog die Notbremse in der Nähe seines Schlosses im Münsterland, aber auch in der Nähe anderer Schlösser, deren Besitzer er besuchen wollte. Er zog sie, weil er es sich leisten konnte.

Wir haben es im einen wie im anderen Fall mit kapitalistischfeudalistischem Notbremse-Ziehen zu tun, wobei ein kleines bißchen Politik mit im Spiele gewesen sein mag. Denn auch der "Tolle Bomberg" hatte in Münster einen politischen Sitz inne. Da er sich insgesamt aber wenig aus Ehren, Standesvorteilen und dergleichen machte, ist es wahrscheinlich, daß sein Notbremsen als Part pour Part anzusehen ist, als eine Art Sport. Es ist ja auch nicht leicht, bei gegebener Geschwindigkeit des Zuges den Ort des Ziehens so zu wällen, daß der Wagen an einer gewünschten, vorgegebenen Stelle zum Stehen kommt. Golfspieler (sommers) und Eisschießer (winters) werden mir recht geben.

Bei den flämischen Abgeordneten, welche die Notbremse zogen, haben wir es, wie nicht anders zu erwarten, mit einem rein politischen Akt zu tun, wobei ihnen genaue Gesetzes-Kenntnisse sur Verfügung standen. Womöglich hatten die beiden sogar mitgestimmt, als es darum ging, daß belgische Beamte unter Umständen beide Landessprachen beherrschen sollten. In jedem Falle wußten sie, wie es zuzugehen hat: Ein Zug, der nur durch Flandern fährt, kann sich mit niederländisch sprechenden Beamten begnügen. So auch ein entsprechender Zug auf wallonischem Gebiet mit frankophonem Personal. (Politische Kleinbahnen, sozusagen.)

Hier aber handelte es sich, wie gesagt, um einen Expreß, der, beide Landesteile durchraste.