Auf den Gedanken, daß "Weit von wo? – Verlorene Welt des Ost Judentums" ein Buch über den Schriftsteller Joseph Roth sei, verfiel ich erstmals beim Durchsehen des Personenregisters. Der Name Joseph Roth kommt nämlich dort nicht vor – gerade weil er auf jeder Seite des Buches steht. Der Titel ist eigenartig, denn mit den Romanen aus dem untergehenden Habsburgerreich "Radetzkymarsch" und "Kapuzinergruft", mit den Romanen aus den politischen Wirren des Nachkriegs "Der stumme Prophet", "Das Spinnennetz", mit dem Roman um Napoleon "Die hundert Tage" wie mit etlichen seiner großen Erzählungen ist Joseph Roth kein Zeuge des Ostjudentums, auch wenn er aus dem galizischen Brody stammte. Und für Claudio Magris, den Triestiner, dessen erstes und bedeutendes Werk "Der habsburgische Mythos in der österreichischen Literatur" hieß, ist der austriakische Aspekt von Joseph Roths Werk mindestens so belangreich und anziehend gewesen wie die "östliche" Welt von "Hiob", "Juden auf der Wanderschaft" und "Das falsche Gewicht".

Ginge es nämlich nur um das Ostjudentum, so gäbe es Schriftsteller, die stärker von ihm geprägt waren, die es tiefer und wesentlicher dargestellt haben, von Agnon über Bruno Schulz, Isaac Bashevis Singer und Malamud bis zu Manès Sperbers "Wasserträger Gottes". Gewiß, solche Schriftsteller werden von Magris genannt, aber doch nur als Folie für Joseph Roth –

Claudio Magris: "Weit von wo? – Verlorene Welt des Ostjudentums", aus dem Italienischen von Jutta Prasse; Europa Verlag, Wien/München, 1974; 382 S., 38,– DM.

Was Magris beschäftigt, ist die Spannung zwischen dem "Städtel" und dem Reich, also das Ostjudentum in seiner spezifisch österreichischen Variante. Joseph Roth hat seine galizische Heimat nicht so sehr "verloren", als er sie – wie so viele andere – verlassen hat, sobald es ihm möglich war, weil er nur fern von ihr ein deutscher Schriftsteller werden konnte. Soweit er sie später in der erinnernden Phantasie wiedergefunden hat, ist sie ein Stück der österreichischen Vielvölkerwelt, ist "östlich" im slawischen nicht nur im jüdischen Sinn. Joseph Roths Erzählertemperament ist jenem vergleichbar, das oft österreichische und baltische Schriftsteller kennzeichnet. Joseph Roth hat Galizien verlassen, weil er es wollte; er hat "Kakanien" verloren, weil es unterging; und er hat sich nach so viel verlorener Vergangenheit nicht durch den Glauben an Sozialismus in die Zukunft einwurzeln können, obwohl er es versucht hat. Es lag nicht daran, daß er ein im Grunde unpolitischer Mensch war, sondern hat umgekehrt eher damit zu tun, daß er sehr früh die Entwicklung der Sowjetunion erkannt hat: Er, der "unpolitische", hat mehr gesehen als die meisten "politischen" Beobachter damals. Die Gegenwart wiederum – das war für diesen Schriftsteller ein Leben im Hotel, nomadisch, verzweifelt, aber keineswegs abstrakt.

In der Bibliographie des neuen Sonderbandes über Joseph Roth von "Text und Kritik" wird das Buch von Magris gerühmt: "Außerordentliche Fülle des Materials... Kraft der Reflexion... Bewundernswerte Darstellung." Claudio Magris, der erst unlängst Charles Sealsfield den Italienern in einem vorzüglichen Essay vorgestellt hat, ist ein unvergleichlicher Deuter und Mittler der deutschsprachigen Literatur. Ich wäre froh, wenn ich mir das zitierte Urteil über das neue Werk von Magris zu eigen machen könnte. Doch ist die Darstellung durch einen Überreichtum von Assoziationen belastet, durch Vergleiche, die oft weniger erhellen als verwirren. In seiner Assoziationsmanier schreibt Margris etwa: "Roth, der wie Shakespeares Odysseus aus ‚Troilus und Cressida‘ die Notwendigkeit der Ordnung empfindet", oder: "Wie Schillers Wallenstein oder Orson Welles Charles Forster Karte schwankt Roths Napoleon zwischen Treue und Verrat." Der scharfsinnige Deuter von Roths Werk hätte eine Absicherung durch derart gehäufte, oft gewaltsame Vergleiche nicht nötig. Man sagt, in jedem dicken Mann stecke ein dünner, der ins Freie möchte. In dieser gelehrten Abhandlung ist ein brillanter, gedankenreicher Essay steckengeblieben.

Jene Welt Joseph Roths, die Magris genau untersucht, ist nicht so sehr die ganz persönliche seiner Sprache, seiner von Hermann Kesten hervorgehobenen Bildkraft als eine Welt, die sich in soziologischen und ideologischen Bezügen deuten läßt. Eine Frage bleibt offen, die auch Magris nicht beantwortet: was Joseph Roths späte Pose eines katholischen Monarchisten eigentlich sollte. Dazu hat Friedrich Torberg treffend geschrieben: "Er kultivierte sein Österreichertum und dessen katholisch legitimistische Tendenzen mit einer Aggressivität, die eigentlich wieder ein Dementi dieses österreichertums war."

Um so bemerkenswerter die literarische Rückkehr in die Heimat der Kindheit, die wir jetzt durch das Romanfragment "Erdbeeren" im genannten Heft von "Text und Kritik" kennen. Man könnte freilich sagen: Bei Joseph Roth steht alles in Beziehung zu Brody, sowohl jene Erzählungen, in denen die Wurzeln sichtbar werden als auch jene, die die Entwurzelung bezeugen.

Doch nichts liegt Claudio Magris ferner, als Joseph Roth unentwegt mit der "Welt des Ostjudentums" verbinden zu wollen. Magris ist nicht der Gefangene einer These. Der letzte Satz seines Buches ist ein Vergleich zwischen Roth und Musil, also zwischen zwei österreichischen Zeitgenossen, einem Juden und einem Nichtjuden. Besser könnte unser Autor nicht beweisen, wohin seine Untersuchung steuert. Denn in allem, was das Habsburgerreich und sein mythisches Weiterleben in der Literatur betrifft, ist er zu Hause. François Bondy